Montag, 9. November 2015

Herbstradeln Tag 5: Bad Wimpfen - Zuhause


Ein paar wenige Restkilometer bleiben. Weniger als ich gern noch fahre würde. Gemessen an den vergangenen Etappen ist es ein Katzensprung. Ich möchte das Ankommen hinauszögern. Sitze stundenlang beim Frühstück, Kaffee schlürfend, lesend, aus dem Fenster sinnierend. Lasse mir beim Packen Zeit. Obwohl heute alles schneller gehen könnte: das Saubere an den Leib, den Rest in die Taschen stopfen, Ordnung nicht mehr erforderlich. Ich trödele trotzdem vor mich hin.
Und stehe noch lange vor dem Gästehaus, weil drinnen ein Orchester probt. Mit Seelenmusik, mich nicht loslassender.

Irgendwann bin ich doch auf dem Weg. Es ist brennend heiß. In Zeiten von Wetterapps hätte ich das ja vorher herausfinden und glauben können. Doch der Kalender - fast Mitte November steht dort - hatte mich abgehalten von allzuviel Sommerlichkeit bei der Kleidungswahl. Ich bereue es umgehend, fahre sehr bald im kurzärmligen T-Shirt und leide unter meiner langen Unterhose. Die sonntagsausflugsgefüllten Wege lassen mich lange ausharren, bis ich ein halbwegs verdecktes Plätzchen finde, um mich ihrer zu entledigen. Von da ab stören nur noch die warmen Schuhe. Ersatzschuhe sind jedoch nicht im Gepäck. Wir schwitzen uns zusammen bis nach Hause.

Ja, nach Hause. Unweigerlich kommt es näher. Eine Richtung, aus der ich mich sonst nie annähere. Noch in Steinwurfnähe meines Dorfes finden sich Ortsnamen, die ich nie bewusst wahrgenommen, Wege, die ich nie betreten habe. Welch Reservoir an Unerlebtem für Tagesausflüge - würden wir denn welche machen:)
Irgendwann erreiche ich den Bereich, in dem es mich arbeitend umhertreibt, und bald auch die Dörfer, in welchen meine Schüler wohnen. Dass ich niemand Bekanntes treffe, erleichtert mich. Ein Schwätzchen am Wegesrand, womöglich mit Schülereltern, hätte mich, noch ganz in Unterwegsstimmung, überfordert. Ich darf in Ruhe ausrollen. Es rollt sich zum Ende hin so schnell, dass ich selbst fast erschrecke, als ich plötzlich vor unserer Garage stehe.

Der Sohn sagt zur Begrüßung kurz hallo, die Tochter ist irgendwo im Dorf unterwegs, die Terrasse trägt Sommerwärme und ich endlich keine Schuhe mehr.
Später am Tag taucht das kleine Kind doch noch auf, schart um sich Freundinnen zum Picknick (die anschließend gleich im Garten Laub rechen:)), murrt der Sohn mich an, ich solle mal nicht solche Hektik machen, türmen sich Wäschemassen vor der Maschine und springen die familiären Vorbereitungen für den morgigen Schulstart im Zickzack. Alles bestens also.

Welch eine gute Entscheidung, die zweite Ferienhälfte radfahrend zu verbringen. Ich fühle mich so erholt wie sonst nur nach wochenlangen Ferien.
Für die morgigen Schulstunden weiß ich nichts mehr. NICHTS. Gerade noch, wie ich meinen Namen buchstabiere und wie das Fach heißt, das ich unterrichten soll. Steht da aber in meinen Aufzeichnungen "Bemerkungen zum Test", muss ich passen. Welcher Test? Was wollte ich dazu sagen? Was gibt es überhaupt zu sagen? Was kann schon wichtig gewesen sein bei einem solchen Miniphysiktest? Über das Leben, über die Sonne, die Wege, das Atmen und das Sein sollten wir sprechen. Und dann werden wir rudernd auch irgendwie in die Physik hineinfinden.

Ein wenig über 400 Kilometer waren es, dabei 2000 Höhenmeter. Zeitfenster zum Unterwegssein (im Dunklen fahre ich nicht gern) von 7 bis 17 Uhr. Temperaturen von 2 bis 25 Grad. Regen: quasi keiner. Oder doch: 8 Stunden lang Nieseln ist in der Summe doch schon wie ein ausgewachsener Regenguss.
Überquerte Flüsse und Flüsschen: 9 (hier mag ich vielleicht kleine Rinnsaale übersehen haben). Begegnete Packtaschenradler: 0. Am Wegesrand gesehene Straußenvögel: 1. Tassen Kaffee und Stücke Kuchen: nicht gezählt (und ob ich das dann verrraten hätte:)). Bilder im Fotoordner: 588, noch unaussortiert.
Nicht benötigte Dinge aus den Packtaschen: der warme Rolli, das dritte Fleece, die Ersatzhose, die richtig warme lange Unterwäsche, die umfangreiche SchalMützeHandschuhe-Ausstattung, das Regenzeug, das Erste-Hilfe-Set, die Ersatzakkus fürs Navi, der Nottraubenzucker, der Fahrradreparaturkrempel, die Luftpumpe, die Ersatzbrille. Und das Zweitbuch auf dem E-Book-Reader.
Eine gute Reise.

Kommentare:

  1. Danke, dass du mich mitgenommen hast.
    Gutes Rudern mit den Klassen. Fühlt sich gut an.
    Herzlich, Gabriela

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  2. Eine schöne Fahrt.
    Ich werde nächstes Jahr mit meinem Freund den Inn hinunter radeln.

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  3. willkommen im alltag!
    auf daß er nicht so bald wieder zum hamsterrädchen werde.

    und ja, danke daß du uns mitgenommen hast. deine reiseberichte machen wirklich lust selber loszuradeln.

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  4. ja - schöne reiseberichte!
    und jetzt wunderbar gutes und leichtes hineinfinden
    in deinen alltag!
    waldwanderer

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