Dienstag, 30. Dezember 2014

Schnee


... sich vom Schneegefühl einhüllen lassen ...

So jung und so alt fühle ich mich. Gegensätzlich und gleichzeitig.




So jung:
Die kindliche Freude der Tochter steckt an, lässt mitvibrieren,
versetzt mich in das Juchzen früherer Schneetobereien zurück.







So alt:
Ganz tief in mein Inneres zieht der Frieden dieser besänftigenden Decke ein.
Als wäre ich still mitumhüllt.
Als würde im Zurruhekommen endlich eine Sehnsucht erfüllt werden.






 
Ein Bogen, ein Kreis von Anfang und Ende.
Und dieser Kreis formt Gestalt.
Lässt er sichtbar werden, was vorher schon war, oder bringt er sie erst hervor?
Ist die Form aus sich heraus, oder schafft er sie, der Schnee?







Und wie kann ich meine Tage unter diesem Bogen, in immer gleichem Kreise leben?
Tägliches Geborenwerden.
Mich in den immer neu zu formenden Tag hineinbegeben.
(Wieviel aktiv, wieviel passiv ist "formen"?)
Ihn beschließen in und unter einem besänftigenden Frieden.




... das Schneegefühl in mir bewahren ...

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Advent im Werden

Wo hätten denn Zeit und Gedanken an einen Adventskranz in den letzten Wochen herkommen sollen?

Glücklicherweise finden sich noch Kerzen vom letzten Jahr im Keller - rote hätte ich dieses Jahr sonst nie ausgesucht. Das alte Holztablett steht treu wie immer bereit. Und mein Bild wächst mit dem Herausnehmen der Kerzen aus der Packung, mit dem Aufstellen dieser vier Lichter auf dem noch so kargen Untergrund.
Was dort ist? Nichts.
Was dort ist, schaut man näher hin?
Raum.
Raum?
Raum!
Raum für meinen Advent. Raum für so vieles, denke ich. Raum für Stilles, für Nahes, für Gefundenes.




Ich erzähle der Tochter von meiner Idee, wie wir unsere Lichter dieses Jahr umhüllen könnten. Hinausgehen, Augen öffnen, mitnehmen, was sich uns darbietet.
Die Tochter ist begeistert, zieht sich an und ist quasi schon aus der Tür. Den ganzen Wald hat sie vor Augen. In weniger als einer Stunde hätte sie ihn hier hereingeschleppt, bin ich sicher.
Aber naja, eigentlich möchte ich das so nicht. Von "zu viel" habe ich hier ohnehin zu viel. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich lieber nur Weniges hineintragen möchte. Und dass ich dieses dann lange anschauen werde. Immer mit der Frage, was es mir erzählt. Sie versucht zu verstehen.

Unser erstes Fundstück, so entscheiden wir, werden wir nicht im Wald suchen gehen. Wir haben ja einen Garten vor der Tür, und der ist reich. Wir treten hinaus und lassen unsere Blicke schweifen.
Unglaublich, so vieles. Nichts von dem habe ich in letzter Zeit wahrgenommen. Und nun bin ich unfähig zuzugreifen, mich zu entscheiden, auszuwählen. Schon wieder dieses "zu viel".
Ich will nur ins Haus zurück - und steige in dem Moment über mein Zweiglein. Ja, genau dieses kleine, was mir im Weg liegt, ohne dass ich es beim Hinausgehen bemerkt hatte, genau dieses will zu mir. Von dem Grün, welches unser Haus - oft unbemerkt - umhüllt, ihm Farbe und Wärme gibt und welches ich viel zu selten anschaue.




Dieses Zweiglein ist mein erster Adventsfund. Die Tochter begeistert sich an seinem Gelb, hört meine Geschichte, neigt den Kopf und greift noch ein zweites Blatt von der Terrasse. Ein grünes Mandarinenbaumblatt, das einzige am Boden. Mandarine, das hätte doch mit Weihnachten zu tun, sagt sie, und es wäre doch so allein dort unten. Daher wolle sie die einsame Weihnacht auch noch aufheben.
Nun liegen sie also zu zweit, unsere beiden sprechenden Blätter.




In den kommenden Tagen sehen sie mich an, reifen - man könnte auch sagen: welken -, sprechen ihre eigene Sprache und geben meinen Blick Halt, von Zeit zu Zeit.

Ein kleines Stöckchen von der Straße kommt hinzu, ein Blatt-Trio vom Feldweg, und immer wieder ein Stück Ahnung, dass geschaut werden will, wofür blind zu sein mir zur Gewohnheit geworden ist.

Advent hat begonnen.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Wochenrückblick 48/14


Wetter
endlich novemberig, grau, düster, nieselnd, wolkenverhangen - irgendwie gehört das so, und irgendwie fühlt es sich gut an, weil es jetzt endlich stimmig ist - vor allem die Kälte, die atme ich so gern ein
gemacht
korrigiert, korrigiert und korrigiert (und damit für dieses Kalenderjahr fertig geworden:)), beraten, konferiert, klausurbeaufsichtigt (Samstagmorgen allein im dunklen Schulhaus - grusel!); mich an Kinderproben erfreut, und an guten Gesprächen während der Autofahrten - ja, ehrlich: hier haben wir an manchen Tagen die meiste Zeit miteinander; ein neues Telefon gekauft und angeschlossen (es gibt ja kaum Nervigeres als sich durch dicke schlechte Gebrauchsanleitungen kämpfen zu müssen, wenn man einfach nur will, dass es funktioniert); Riesentüten voller gebrauchter Klamotten sortiert - und festgestellt, dass die wohl schon zu lange hier stehen, jedenfalls passen sie schon so gut, dass es höchste Zeit wird, sie in die Schränke wandern zu lassen; bei unserem Lieblingsitaliener essen gewesen; Plätzchen gebacken; und vorher die Weihnachtskiste aus dem Keller hochgeschleppt - anlässlich des anstehenden Schmückens immerhin schon das Chaos im Wohnzimmer aufgeräumt:)
gehört
das Tochterquartett auf einer Adventsfeier, und viele herzerwärmende Proben
gelesen
nicht viel, überhaupt nicht viel, ein paar Seiten nur (deren Inhalt ich umgehend wieder vergessen habe) - jetzt kommen wieder bessere Lesezeiten
begegnet
der Freundin beim Mittagessen: ein Geschenk, mitten in der Woche einfach so bekocht zu werden (während die Kinder in der Mensa ...); der Quartettlehrerin beim gemeinsamen Abendessen; einem Vater eines ehemaligen Schülers - ganz zufällig, ganz wunderbar unterhalten
nachgedacht
warum mir manche "Anfechtungen" in der Schule so viel ausmachen, warum ich nicht längst drüberstehe ...
gefühlt
müde und befriedet, beides
gestaunt
mal wieder: wie groß sie schon ist, die Tochter - beim Backen gibt nun sie die Anweisungen (bis hin zu: "Grapsch mir nicht dazwischen, sonst passt das hier nicht!" - ja, so reden wir hier manchmal miteinander, mit Lächeln und Augenzwinkern, dann wird auch "grapschen" zu einem sehr liebevollen Wort:))
geübt
bei größter Unruhe im Außen innen trotzdem ruhig zu bleiben, und zum Beispiel nicht ungeduldig gegenüber den Kindern zu werden, denen in der Schule, und meinen zu Hause - das ist ja eigentlich immer zu üben, aber eben in manchen Zeiten besonders
gefreut
darüber, wie die Musiklehrerin uns wahrnimmt - manchmal brauche ich einen Spiegel, um meine eigene Wahrnehmung wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen; und über die Gespräche mit der Tochter, als wir vertieft am und im Plätzchenteig hantieren
gelacht
als der Sohn am Ende des großen Backens doch noch dazukommt, um mit den Teigresten sehr - ähm, nun ja: unweihnachtliche Figuren zu formen und sich über diese (und vermutlich auch über meine Blicke) mit kindlich-juchzendem Glucksen amüsiert - da bleibt keine Mutterlache trocken :)
geweint
na jedenfalls Tränen in die Augen gestiegen, weil sich mein zweiter Dienstort (nicht die Schule) mal wieder als sehr fordernd bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber schon bestehenden Belastungen erwies - das wusste ich ja schon, aber so arg? und so konstant? - ich weiß nun nicht mehr, ob ich das auf Dauer so aushalten will
berührt
als ich der Tochter eine Adventsgeschichte vorlese, abends, in ihrem Zimmer, während der Sohn im Nachbarzimmer am Einschlafen (oder Whatsappen?) ist, wie ich denke - und er dann plötzlich in der Tür steht, mit nur einem Wort: "Lauter!"
Ausblick
erste Adventswoche mit zwei Abenden Kindermusik und hoffentlich auch darüber hinaus ein wenig Zeit miteinander
Dankbarkeit
dass es, wenn hier Winterstiefel für die Kinder immer noch nicht gekauft sind, nur an mangelnder Zeit, nicht an fehlendem Geld liegt

Montag, 24. November 2014

Wochenrückblick 47/14


Wetter
von allem etwas, täglich anders, aber immer noch (zu) warm - die Vorstellung, dass heute in der benachbarten Stadt der Weihnachtsmarkt eröffnet wird, passt so gar nicht zu den immer noch zweistelligen Temperaturen
gemacht
diese Woche dürfte der Schuldichtigkeitsgipfel des Jahres gewesen sein - es kulminierten drei Klassenarbeiten (das wars dann aber für dieses (Kalender)Jahr) mit meinen Verantwortlichkeiten für diverse Mathematikwettbewerbe der Schule, dazu ein Pädagogischer Tag mit Vor- und Nachbereitung, Schulkonferenz, Beratung von Referendaren, auch tränenreich (zum Glück noch nicht bei mir, so weit isses noch nicht ...); und dann gab es noch ... den verpassten Abgabetermin bei der Bücherei ... den Schreck, dass die Kinder ja noch gar keine Winterschuhe haben (wie auch?, ich meine: wozu auch?) ... zur Abwechslung ist nur mal das Telefon kaputt (Kinderspiel gegen Spülmaschine und Herd) ... und der Cellolehrer der Tochter muffelt mich an, weil ich irgendeine Terminabsprache verbaselt habe (wofür ich recht herzlich danke :( ) ... Jeans und Socken sind schon wieder alle in den Wäschebergen verschwunden oder zu klein/zu kurz, das Mensaticket immer noch weg, die Augen des Sohnes unter der Frisur auch - alles im grünen Bereich also
gehört
ein erstes Klarinettenvorspiel des Sohnes
gelesen
natürlich nur wenige Seiten, in diesen Zeiten, dafür umso intensiver - in David Grossman "Der Kindheitserfinder" (diese Innensicht eines heranwachsenden Jungen - wow und puh - ich sehe dann sehr nachdenklich auf mein Exemplar hier: wovon ich wohl alles so keine Ahnung haben mag?)
nachgedacht
über das Loslassen im Großen wie im Kleinen, über meine Mutterticks (die Kinder sind so ehrliche Spiegel), über das perpetuierte schlechte Gewissen im Kopf (mir vor Augen gehalten, als der Sohn plötzlich - erstmals - wegen Kopfschmerzen aus der Schule abgeholt werden wollte und der Vater nicht erreichbar war: nun ist sein Schulflur ja mein Schulflur, wir saßen da also gemeinsam, und in mir ratterte es, dass ich jetzt nur die Wahl habe, eine schlechte Mutter zu sein oder eine schlechte "Arbeitnehmerin", wie es so schön heißt - ist ja eigentlich klar, wie zu entscheiden ist, aber es fiel mir trotzdem schwer)
gefühlt
auch in einem anderen Dilemma, nämlich was mir in den wenigen Stunden bzw. Minuten, die mir in diesen Wochen neben der Arbeit bleiben, das Wichtigste ist - Klavierspielen, Schreiben (laut oder leise oder endlich antwortend auf so viele hier liegende geschenkte Worte), Hinausgehen und den Herbst einatmen - alles fehlt mir, von allem habe ich zu wenig
gestaunt
wie ich trotzdem langsam wieder in ein zuversichtliches Sein und Schauen hineinfinde, nach sehr nebligen Wochen
geübt
und - wie ich finde - schon ganz schön weit gekommen: das Chaos in den Kinderzimmern nicht zum täglichen Familienthema zu machen, sondern es dort zu lassen wo es hingehört: zu den Nebenschauplätzen des Lebens
gefreut
über Innigkeit mit den Kindern, als wir alle drei auf dem Fußboden im Wohnzimmer hocken und einmütig Wäsche sortieren und legen - erstaunlicherweise erzählen die Kinder in solchen Momenten mehr aus ihrem Leben als dann, wenn ich es - neugierig - provozieren will, etwa mit der dämlichen Frage beim Mittagstisch, wie es in der Schule war (ich habe noch etwa 8 Jahre Zeit, mir diese Frage abzugewöhnen; ich arbeite dran)
begegnet
einem ehemaligen Kollegen zum Mittagessen am Fluss - eine Oase mitten in meinem wöchentlichen Herumgefahre; und nach langem mal wieder dem Klarinettenlehrer zu einem kurzen Gespräch (wie sanft, wie liebevoll, wie gut es der Sohn hier getroffen hat)
berührt
vom Strahlen der Tochter, welches sie so unendlich aus sich zu schöpfen scheint
Ausblick
zu Ende korrigieren und ein paar weitere Nachmittags- sowie ein Samstagstermin, dann wird es schulisch ruhiger; dafür freue ich mich auf viel Musik, auf endlich wieder Momente zum Luftholen, auf das Mittagessen mit der Freundin, auf das Weiterlesen des Buches, auf den beginnenden Advent
Dankbarkeit
dafür, dass die Weite innen wie außen nicht verloren geht, wenn es auch zwischendurch so scheinen mag

Samstag, 22. November 2014

Herbsthimmel


Wege ...


... unter diesem Himmel ...


... unter entstehenden und vergehenden ...


... allein durch die Kraft von Licht-Luft-Wärme sich bildenden ...


... aus dem Außen ins Innen quellenden ...


... Formen und Gestalten ...


... welche sich hineinweben ...


... ins Suchende und Fragende ...


... welche erahnen lassen ...


... in der Ferne und in der Tiefe ...


... dass dort etwas sei ...


... was trägt und hält und segnet ...


Ja, Weg, ich gehe weiter.

Montag, 17. November 2014

Wochenrückblick 46/14


Wetter
ein immer noch (zu) warmer Herbst, mit Wolken, Regen, Wind - und ab und zu einem Fünkchen Sonne 
gemacht
Schule, Schule und Schule, unter anderem mit den ersten Korrekturen des Jahres - wie das zwischen Herbst- und Weihnachtsferien immer so ist; die üblichen Kindertermine, zumeist Musik, aber auch Bücherei, Spaziergang am Fluss, eine Samstagsfahrt zu einem Mathewettbewerb in einer nicht um die Ecke liegenden Stadt; Samstagsabendfilm als Wochenendbeginn; vorher noch schnell den Wäschekreislauf wieder in Bewegung gebracht (schon normalerweise braucht ein Wäschestück hier wohl 2-3 Wochen, bis es wieder am Ausgangsort anlangt, jetzt aber waren die Schränke leer, und auf den Kinderzimmerböden wuselten im trauten Miteinander dreckige, noch nicht in den Korb gewanderte und eigentlich schon saubere, nur noch nicht wieder einsortierte Stücke, und auch ich wusste bei den im Haus herumstehenden Körben nicht mehr ob schmutzig oder sauber ... nun ist mal wenigstens sortiert und zu Bergen geworfen); und dann ein Sonntag, der so viel Kraft in sich trug - in Form von Worten - geschriebenen und gelesenen -, von Bildern, von Musik, von Stille
gehört
ein neuer Cellobogen macht sooo viel neuen Klang - hä? - ich wusste nicht, wieviel vom Bogen abhängt (klar, sonst gäbe es wohl nicht Bögen für mehr als 1000 Euro ...)
gelesen
immer noch "Und plötzlich waren wir Verbrecher" - ich wurde immer langsamer beim Lesen, weil ich aufgesogen habe, wie man sich in Zeiten äußerster Bedrängnis selbst bewahren und gar finden kann; dann - als Empfehlung zugeflogen: "Das Pubertier" - naja, braucht man nicht, aber ich bin eine disziplinierte Bücher-zu-Ende-Leserin; und nun beginne ich zwei von David Grossman - ja, gleichzeitig: eines über das Werden, eines über das Vergehen
nachgedacht
über liebevoll geschenkte Worte, welche die meinen sind und vorher auch schon die meinen waren - nur braucht es manchmal eben einen Spiegel
gefühlt
von meiner Arbeitsmenge so weit erschöpft, dass mir im Laufe der Woche einige Male fast die Tränen kamen, doch dann ...
gestaunt
... begab es sich, dass ich an einem Abend meine Schreibtischdinge unerwartet früh fertig bekam, eine Stunde oder noch mehr bis zum Schlafen plötzlich ganz meine war, ich tauchte in Gedanken und bald schon in ein Fließen voller Langsamkeit ein ... und war ... ruhig? still? zuversichtlich? ... ja. 
geübt
den Blick auf meine Kraftquellen zu richten, so dass mir diese wieder mehr zutragen
gefreut
über mich berührende Hände, Bilder, Worte in Momenten, in denen ich es brauchte; und dass der Sohn "danke" sagt, wenn ich ihm bei seinen Sachen helfe
geärgert
dass ich diese "Rubrik" noch immer nicht herausnehme, irgendwie der Vollständigkeit halber jede Woche aufs Neue nachgrübele, was hier hineinzuschreiben sei - und doch merke, dass "Ärgern" wohl nicht zu meinem Emotionenspektrum zählt
begegnet
einer Freundin zum Mittagessen, mitten in der Woche (so lange vor uns hergeschoben, und dann war es plötzlich ganz einfach, sich diese Stunde freizunehmen); einer nahen Stimme und einem mich (be)treffenden Bild in einem Brief; meiner eigenen Stimme im Tagebuch; und meiner Musik am Klavier
Ausblick
noch fünf Wochen bis zu den Weihnachtsferien, könnte ich jetzt in Fortsetzung der vergangenen Woche schreiben - doch es hat sich einiges gelüftet, ich bin mit dem Blick wieder mehr in der Gegenwart - und habe in den nächsten Tagen vor, einiges an Arbeit wegzuzaubern - nicht durch Abarbeiten, sondern durch Wegfallenlassen, Aussitzen, Ignorieren, Kürzertreten (mal schauen, ob ich dies dann wirklich mit Konsequenz durchziehe)
Dankbarkeit
für den Himmel, unter dem ich heute spazieren gehen durfte

Dienstag, 11. November 2014

Wochenrückblick 45/14


Wetter
Regen und Wind haben alle Blätter von den Bäumen gefegt, die Spätsommerluft hat sich wohl in südlichere Gefilde verzogen, die Sonne aber blieb und erkletterte um die Mittagszeit immer zweistellige Temperaturen
gemacht
ein ruhiger Wochenbeginn, da ein paar Kindertermine ausfallen und die Nachmittage fast sowas wie meine sind, bis dann am Mittwoch eine ganztägige Fortbildung das ganze Wochengefüge außer Atem bringt und auch mich, weil ich nebenher noch meinen Unterricht abhalte (nennt man das so, wenn man den Schülern alle paar Minuten einen Auftrag bringt und sie quasi über Fernbetreuung am Arbeiten hält?); durch die verbleibenden zwei Schultage - mal wieder spätnachts vorbereitet, wann sonst - schleiche ich mit Kopfschmerzen und einem lass-es-vorbeigehen-Gefühl; dann endlich Wochenende - eine fast schlaflose Nacht als Einstieg; ein kuscheliger Lese-Häkel-Rede-Samstagvormittag mit der Tochter; abends kommt der Sohn dazu, und wir schauen einen Mauerfall-Film, damit meine Ost-West-Kinder meine und unsere Geschichte(n) aus einem vergangenen Land wenigstens vom Erzählen her kennen; dazu ein Glas Sekt für mich, weil es mich auch nach einem Vierteljahrhundert noch im Innersten bewegt; ein Lern-Arbeits-Haushalts-Sonntag, in den ich immerhin noch einen Spaziergang rund ums Dorf hineinschiebe
gehört
Worte, Klänge, Zwischentöne und innere Stimmen in diesem Film, ebenfalls mit den Kindern zusammen geschaut, weil uns das alles seit Jahren vertraut ist - wenn auch nicht unhinterfragt (und doch geben wir diese Woche wieder die Anmeldungen ab, die uns alle - Duo-Wertung, Ensembleproben ... - logistisch an unsere Grenzen bringen herausfordern werden)
gelesen
passend zum Datum, aber doch schon länger hier zum Lesen bereitliegend: Dorothea Ebert / Michael Proksch "Und plötzlich waren wir Verbrecher"; dazu viel viel viel in Zeitungsartikeln und Kommentaren, zum Beispiel das hier
nachgedacht
über die Frage, welche die Freundin bei mir ließ, als wir vergangene Woche auf langen Spaziergängen und Abenden redeten: "Und wo bleibst du?" - Ja, wo? 
gefühlt
von einem Traum-Spiegel wachgerüttelt - zur Zeit überflutet mich hier alles, lässt mich in einem Gefühl der Hilflosigkeit zurück - und doch waren in dieser Woche ein paar Gesprächskeime, die Erleichterung schenkten
gestaunt
dass mir die Tochter noch morgens sagen muss: "Schau, jetzt sind alle Blätter von den Bäumen gefallen." und ich dies so gar nicht bemerkt hatte, worüber ich in dumpfe Traurigkeit verfalle - weil ich so blind durch meine Tage laufe - und kurz darauf fahre ich mit dem Auto übern Berg, mein Blick fällt über die Kuppe - und plötzlich ist da Licht, Licht und Licht
geübt
loszulassen: das pubertierende Leben des Sohnes bekommt ganz neue Facetten - ich bin soooo neugierig, darf dies aber nicht zeigen, und ich fühle mich soooo verantwortlich, darf dies aber nicht mehr sein (so ungefähr - ist ja wohl das gleich bei allen Pubertätsmüttern; nun also auch hier)
gefreut
als ich mit einem handfesten Problem zu meiner Schulleitung komme, dort die drei Worte zu hören: "Ich kümmere mich." - und zu wissen, dass ich mich darauf verlassen kann
geweint
immer noch und immer wieder bei den Fernsehbildern von damals - wie tief sich das alles in mich eingegraben hat - ich müsste den Kindern noch viel mehr erzählen davon ...
begegnet
manchmal entstehen ja mitten im Alltag unerwartete Nähemomente - so während unserer Fortbildung, beim Mittagessen, da geht es mit den Kollegen plötzlich ganz sehr um Eigentliches, um Nichtmehrarbeitsdinge, so dass der Tag einen unerwarteten Hauch Wärme bekommt
Ausblick
noch sechs Wochen bis zu den Weihnachtsferien (ich weiß, so soll man sein Leben nicht leben, aber im Moment komme ich nicht anders durch die Tage)
Dankbarkeit
für die Durchlässigkeit des Sohnes, als ich das Gespräch über unsere (gemeinsame) Situation suche, und dafür, dass dieses Gespräch (und andere Begegnungen der Woche) nicht ohne Wirkung bleiben

Montag, 3. November 2014

Zweiwochenrückblick 43-44/14


Wetter
so warm, so sonnig - unglaublich für Ende Oktober
gemacht
die Vorferienwoche gerade noch so geschafft, dabei einen Tag krank im Bett gelegen und mich dann doch wieder in die Schule aufgerappelt; ersehnter Ferienbeginn, begangen mit freitagabendlicher Geburtstagseinladung und samstagmorgendlichem Bücherei-Lesecafé-Besuch, um mittags dann gleich noch mit Freunden in einem anderen Café zu sitzen; unendlich viel herumgetrödelt; ein paar Möbel im Haus gerückt (und bei der Gelegenheit hinter selbigen Schmutz hervorgepult - ich weiß nicht, ob man das schon "putzen" nennt:)); so manches gelesen; viel Klavier gespielt; geschlafen; Patenkindsbesuch aus der Ferne gehabt
gehört
Ferien voller Kinderproben - der Sohn und seine Geigenpartnerin haben hier sozusagen einen privaten Kammermusikkurs veranstaltet, haben sich jeden Tag getroffen, sind zu den Lehrern gefahren ... und dann haben sie binnen einer Woche aus gerade so geübten Tönen ein kleines bisschen Brahms und ganz schön viel Mozart gezaubert
gelesen
in so viele verschiedene, teils sehr bewegende Welten eingetaucht - Jochen Schmidt: "Schneckenmühle" - Sharon M. Draper: "Mit Worten kann ich fliegen" - Steven Galloway: "Der Cellist von Sarajevo" - Tecia Werbowski: "Hotel Polski" - Anna Gavalda: "Ich habe sie geliebt"
gedacht
ja, das ist eine gute Frage: Wofür brenne ich? (danke) 
gefühlt
von den Mutlosigkeits- und Verzagtheits-Krakenarmen gestreift - und ich weiß noch nicht: werden sie mich aufrütteln, dass ich mich entwinde? oder werde ich mich mehr und mehr von ihnen umfangen lassen?
gestaunt
wie offen ich beginne zu kommunizieren - auch in Alltagssituationen - , wenn die Nähe des Todes mich durchlässig gemacht hat
geübt
mich in Ruhe einem Feriengefühl hinzugeben, obwohl ringsum die Arbeitsberge antoben - ich war so mittelgut darin diesmal
gefreut
sehr besondere Konzertkarten gekauft zu haben - die sind zwar erst für nächstes Jahr, aber dennoch schon jetzt: Vorfreude!
geweint
auf einer sehr bewegenden Trauerfeier - dort so viel über einen Menschen zu erfahren, dass man das Gefühl hat, ihn nochmals neu kennenzulernen - das tut gleichzeitig gut und weh, das ist Geschenk und Gewahrwerden von Versäumtem gleichermaßen
begegnet
einer ehemaligen Kollegin, ganz zufällig an einer anderen Schule, und einem ehemaligen Schulfreund, noch viel zufälliger, an der gleichen Schule - da gehört schon was dazu, sich 27 Jahre später und 700 km von der Heimat entfernt mal eben nachmittags auf einem Schulflur, auf den wir beide nicht gehören, über den Weg zu laufen
Ausblick
Schulbeginn, so schnell schon wieder - ich bin noch nicht wieder aufgetankt, menno
Dankbarkeit
für die Musik, immer wieder

Montag, 20. Oktober 2014

Wochenrückblick 42/14


Wetter
herbstlich warm und sonnig - das entgeht selbst mir durch die Fensterscheibe nicht, und nun die Hoffnung, dass ich mich in der baldigen Ferienwoche zuweilen jenseits der Fensterscheibe aufhalten werde, ganz gleich, welches Wetter dort sein wird
gemacht
durch meine 60-h-Arbeitswoche gehastet, tageweise die Kinder kaum gesehen und vom Handy aus deren Nachmittagsdinge gecoacht, nachts über den Unterrichtsvorbereitungen eingeschlafen; aber doch ab und zu eine Oase: etwa ein Kaffee im Café während des Musikunterrichts --- mitten hinein diese Nachricht dann, die seither allen Raum in mir einnimmt, alles andere benetzt und durchwebt --- seit Freitag ist Wochenende, völlig terminfrei für mich, zum Glück: ich liege, lese, sinne nach, schreibe ...
gehört
zum Wochenanfang schöne Musik eingelegt, als ich Vergleichsarbeits-Kreuzchen stumpfsinnig in riesige Exceltabellen einzutippen hatte - zum Wochenende dann - hm: schöne? - Musik gewählt, die das Anzünden der Kerze am Fenster begleitete
gelesen
"Meines Vaters Land" beendet, es wurde immer berührender; und jetzt ein Buch, das Michèle Lesbre speziell für mich geschrieben haben muss: "Das rote Canapé" - puh, wie nahe das ist!
gedacht
soeben als ich den Posttitel eintippte: lässt sich kürzen (Mathelehrerin im Bruchrechenmodus :));
und durch die letzten Tage hindurch: seltsam, wie sich diese verschiedenen Lebenspole vermischen und durchdringen, das kommt mir fast befremdlich vor --- hier im Schreiben habe ich heute das Bedürfnis, eine räumliche Trennung zu setzen
gefühlt
sehr müde, sehr erschöpft, und jetzt zum Wochenende ein wenig grippig
gestaunt
dass Sohn + Freunde am Wochenende Tag 1 zu einem ganztägigen Mathekurs und an Tag 2 zu einem ganztägigen Schachturnier fahren und am Sonntag abend immer noch nicht genug haben - daher noch schnell Orchester, und dann Englisch lernen (ich habe das Bedürfnis, meine Kinder zuweilen hier zu Hause anzubinden, damit sie mal zur Ruhe kommen - klappt aber nicht, sie entfliehen der Ruhe permanent - war ich als Kind auch so???)
geübt
mehr Verantwortung an die Kinder abzugeben, wo es ihnen möglich ist, nicht immer alles selbst in die Hand zu nehmen (und darüber erschöpft zu verzweifeln) - ein noch weiter Weg für mich
gefreut
über den feinfühligen, tiefschauenden Blick der Quartett-Lehrerin auf die Tochter; von der Schule bekam ich noch nie eine so hilfreiche Rückmeldung, obwohl ich bei jedem Elterngespräch in diese Richtung "stochere", um der Tochter bei ihrem Rucksacktragen zu helfen (naja, sie sieht die Tochter als eine von nur vieren, und vermutlich ist hinter dem Cello nicht so gut verstecken wie hinter Matheaufgaben)
geärgert
über einen sich deutlich von der Sachebene wegbewegenden, fast tribunalsartigen Angriff durch die Elternschaft unserer Klasse - der Kollege ging damit allerdings sehr souverän um, so dass wir als Klassenlehrerinnen zunächst nicht intervenierten, erst anschließend ein paar reflektierende Worte aus der Beobachterrolle sagten; die anwesenden Praktikantinnen waren erschüttert (fast vergälle es ihr den Beruf, sagte eine); und ärgerlich auch, dass einem die besten reagierenden Worte an die Elternschaft natürlich immer erst im Nachhinein einfallen
gelacht
als Kind 1 beim Abendessen voller Inbrunst von Mine.craft und Kind 2 ebenso engagiert von seinem ZAL-Mathleten (hä? genau. so geht's mir auch) erzählt, beide ohne Luft zu holen, quatschen sie von zwei Seiten simultan auf mich ein, mit lauter Sätzen, die zwar syntaktisch wie Deutsch klingen, aber doch verstehe ich keine dieser fremdwortschatzigen Silben, ich kann die Wörter nicht mal wiedergeben, die sie in einer Flüssigkeit und Eloquenz benutzen ... jede meiner Interventionen, mir doch mal zu erklären, wovon sie eigentlich gerade reden, verhallt ungehört - und mir bleibt nichts als plötzlich laut loszulachen (warum eigentlich? hm. die Situation hatte was sehr Witziges)


geweint
...
dass ihr Platz im Lehrerzimmer für immer leer bleiben wird
...
begegnet
wenn man sich mit Tränen in den Augen auf dem Schulflur gegenübersteht und umarmt, dann ist es viel näher als jemals sonst; und wenn man sieht, wie Schüler in ein Kondolenzbuch schreiben, dann weiß man, dass wir sie - die Schüler - eigentlich gar nicht kennen und dass wir ihre reife Sicht auf das Leben wohl oft sehr unterschätzen; und diese Nähe im Angesicht des Unfassbaren, die wärmt dann fast schon wieder
berührt
welche Atmosphäre entstand, als wir in den Klassen von ihrem Tod erzählten, wie die Jugendlichen und Kinder plötzlich still wurden, welche Fragen sie stellten, von wie vielen gestorbenen Opas, Freunden, Lehrern und Meerschweinchen sie erzählten, und dass es zwei wilde Jungs waren, die als erste aufstanden und sagten: Wir gehen jetzt in diesen "Raum der Stille".
Ausblick
wie meine Halsschmerzen und meine Erschöpfung sich entwickeln werden?
und wie wird sich unser Schulleben nach dem Wochenende anfühlen?
und wie wird es sein, gemeinsam mit der ganzen Schule eine Trauerfeier zu gestalten?
gut, dass diese Woche an ihrem Ende in die Ferien münden wird
Dankbarkeit
dass wir in unserem Kollegium so gut, wie wir im "normalen" Alltag zusammen lachen, jetzt in Geborgenheit gemeinsam weinen können

Samstag, 18. Oktober 2014

.

Das Leben der Menschen, sagte ich mir, ist eine flüchtige Silberspur, wie die der Sternschnuppen. Und eines Tages, ohne dass man wüsste, warum, fallen ihre Augen ins Dunkel, und man sieht sie nie wieder.
(Luc Dietrich: Le Bonheur des tristes)

Montag, 13. Oktober 2014

Zweiwochenrückblick 40-41/14


Wetter
letzte Woche, das lange Wochenende mit seiner wärmenden Herbstsonne, in der wir frühstückten und badeten, das wird in mir bleiben; ansonsten ist es doch zum Heulen, dass ich nach solchen Extremschulwochen kaum sagen kann, welches Wetter uns umgab, weil ich blind durch die Tage rase (nein: nicht heulen - Teilzeit beantragen!)
gemacht
vor allem gearbeitet und die Kinder chauffiert, mehr passte in die Tage kaum hinein; Tochter-Elternabend; ein Kollegen-Oktoberfest in der Schule (nie werde ich freiwillig diese Schule verlassen - mit diesen Kollegen feiere ich sogar Oktoberfeste!); und am langen Wochenende eine Mädchenreise (nur die Tochter und ich) nach Berlin und Umgebung, dort Treffen mit Freundinnen meiner Kindheit, viele Gespräche und Seespaziergänge und Erinnern und Lachen und ruhiges Beieinandersein, und auch Kino - zwei Filme nacheinander, das habe ich seit hundert Jahren nicht mehr gemacht:)
gehört
was hier übend durchs Haus schwirrt: das und das und das und das (tägliche Oase für die Ohren)
gelesen
je zur Hälfte: "Netzgemüse" (was mir nicht sooo viel Neues gibt, und Hilfe schon gar nicht bei unseren fast täglichen Handy-Computer-Konflikten) und Wibke Bruhns "Meines Vaters Land" - hier zieht mich Geschichte ausnahmsweise in ihren Bann, weil sie so privat daherkommt
begegnet
den Alt-Freundinnen und ihren Erinnerungen; einer neuen zugezogenen Schülerinnenfamilie, die das Herz erwärmt; einem Ehemalsschüler, und einem Ehemalskollegen am Telefon
gedacht
dass es hier im Haus soooo sauschmutzig aussieht - und wie ich es schaffe, meine daherrührenden schlechten Gefühle loszuwerden (wenn es schon im Moment keinen Weg aus dem Schmutz heraus gibt ... ich wüsste nicht in welchen Minuten meiner Tage, und die Herbstferien mag ich auch nicht komplett dafür einsetzen ... darf ich ein Zaubermittel wünschen bittedanke ...)
gefühlt
ferienreif - darf man das nach vier Schulwochen schon sein? - jedenfalls merke ich es, weil es mir schwerfällt, mir selbst beim Lesen "zuzuhören": ich lese jede Seite fünfmal und habe doch an was anderes dabei gedacht
gestaunt
wie früh es dunkel wird; und dass die Tochter offenbar nicht von allen Menschen als "schon groß" wahrgenommen wird, wurde sie doch im Drogeriemarkt, als sie zwei Zahnpastatuben aufs Band gelegt hatte, von der Kassiererin gefragt, ob sie denn überhaupt Geld habe:) 
gefreut
über unsere kleine halbprivate Mathe-AG - der Sohn und drei Schüler seiner Klassenstufe, in der ich den 7t-Klässlern helfen will, den Landeswettbewerb Mathematik zu bearbeiten (der für dieses Alter wirklich noch sehr schwer ist, die vier aber sind wild entschlossen:)) - so viel Begeisterung, Ideen, Funkeln in den Augen und über den Tisch fliegende Gedanken - eine wahnsinnige Freude, das zu beobachten und teilzuhaben daran (vielleicht, wenn die vier dabei bleiben, gibt's ja nächstes Jahr auch ne Deputatsstunde dafür ...)
geärgert
ausgerechnet jetzt, wo ich wieder quer durchs Land fahren muss, hat mir das Land Baustellen vor die Nase gesetzt - meine Hauptautobahn ist bis Dezember einspurig - danke auch, ich üb dann jetzt mal Landstraßefahren
gelacht
täglich mit der sprudelnden Lebensfreude der Tochter
geweint
nein, da waren andere Formen des Zumirkommens, auch schmerzhafte ...
berührt
als mich ein ehemaliger Schüler an der Tankstelle ansprach (wir verstopften sofort alles:)) - einer, der damals die Schule verlassen musste, und jetzt extra zu mir kommt, weil er sich freut mir erzählen zu können, wie es mit ihm weiterging und weitergeht - alles gut, und mir wird ganz froh, als ich das höre
Ausblick
Schulwoche total: zwei Elternabende werden den Alltagsgang - vormittags Schule, nachmittags Kinder und Haushalt - abends/nachts Schulvorbereitungen - torpedieren: bleibt für letzteres die Nacht oder wie? ich schüttele das Grausen vor der Woche noch kurz ab und begebe mich erstmal auf die Landstraße
Dankbarkeit
dass ich mir Gedanken darüber machen darf und es auch nicht ganz aussichtslos ist, in absehbarer Zeit wieder mehr Freiheitsgrade zu haben (ich sage nur: Teilzeit! - ich verkünde das jetzt überall, damit ich nicht im Dezember vergesse, meinen Antrag abzugeben);
und dass jeder Tag gute Momente hat, ja eigentlich eine Aneinanderreihung guter Momente ist (nur eben: zu viele in zu großer Dichtigkeit)

Montag, 29. September 2014

Wochenrückblick 39/14


Wetter
Fahrradfahrwetter, und zwar so warm, dass wir nicht nur die Jacken ausziehen mussten, sondern auch noch das dringende Bedürfnis hatten, dies im Schatten zu tun
gemacht
was ging die Woche schnell vorbei - und wie viele kleine bis klitzekleine Dinge passten hinein: das Schuljahr rüttelte sich weiter zurecht, am Schreibtisch kam ich langsam in Fluss, auf den Schulfluren auch, aber all die Kinderdinge - Holundbringfahrgemeinschaftsabsprachen, Terminvereinbarungen, Anmeldungen, Arzt und Optiker etc. - verbannten mich gefühlt eine Woche lang ans Telefon (was nicht mein Lieblingsgegenstand ist, übrigens); zum Wochenende dann eine infektkranke Tochter gesundgekuschelt - und gestern abend gleich auch den Sohn, der vorher noch in einem Wolfswildpark campiert (und gefroren) hatte; Kinderkleiderflohmarktbesuch, erfolgreich, jedenfalls zeigen dies die Wäscheberge vor der Waschmaschine an; im Eifer des Gefechts dann aus dem Tochterkleiderschrank Tonnen von Hochwasserhosen und -shirts herausgefischt und umgehend zur Dreitochterfreundesfamilie transportiert
gehört
die Vögel in den Bäumen, Blätterrauschen über mir und Blätterrascheln unter mir; und all die wunderbare Kindermusik (mein tägliches Hauskonzertgeschenk!) hat Ergänzung gefunden in einem Ohrwurm-Brahms-Stück des Tochterkindes, das sie und ich seit Freitag ständig vor uns hin summen
gelesen
Susanna Tamaro: Erhöre mein Flehen
begegnet
die erste Stunde Flohmarkt verplaudert - dort trifft man aber auch unser ganzes Nest:) - bis ich mich besann, dass ich nun besser doch etwas wühlen gehe, bevor alles weg ist; vor der Halle dann ein ehemaliger Schüler, dem es so richtig gut geht, obwohl damals bei uns alles schwierig schien - hach: Herzensfreude! Wochenabschluss bei Freunden zum Grillen (sehr sommerlich hier im Süden)
gedacht
dass man wirklich jeden Tag leben soll (nicht neu gedacht, natürlich, aber manchmal rüttelt einen auf, was ringsum geschieht ...)
gefühlt
ruhig und dankbar, ja, das beschreibt es am besten
gestaunt
wie subjektiv, wie eng mein Blick auf das Ganze ist - ausgelöst nämlich durch die Wendejahr-Dokumentationen auf Phoenix zappte ich mich bei you.tube durch diverse Dokus (die Bügelwäsche darüber vergessend), sah dann etwas über Moskau-Gorbachev-Einheit und so - und staunte, wie wenig wir geahnt, wie naiv wir dort gelebt hatten in diesem Jahr - obwohl ich immer gedacht hatte dabeigewesen zu sein, etwa bei jener Demonstration auf dem Roten Platz, 1. Mai 1990, und meine Erinnerung und meine Fotos die Wasserwerfer hinter der Basiliuskathedrale durchaus festgehalten haben, und die KGB-Reihen, die Sowjetfahnen mit Loch statt Hammer-Sichel, die Stalin-Porträts, die Sprechchöre, die bemäntelten alten Männer auf der Tribüne, darunter auch ihn, den von uns fast vergötterten - und doch wussten wir so wenig von dem, was damals geschah; klar, eine Doku kann auch "Falsches" erzählen, aber in jedem Falle ist der eigene Blick einfach nur Mosaiksteinchen - wie klar mir das mal wieder vor Augen stand (und es ist ja nicht nur mit der Erinnerung und der großen Geschichte so ...)
gefreut
wie meine 6t-Klässler vor mir sitzen, sich erst wundern, dass sie nun in Mathe Geschichten schreiben sollen - gerade wie in Deutsch -, dann aber losschreiben und schreiben und schreiben und gar nicht wieder aufhören wollen, als die Stunde um ist - zweite Freude-Welle in mir, als ich zu Hause anfange zu lesen
geärgert
über den heutigen Mädchenhosenschnitt - die Tochter beklagt sich, dass sie damit so schlecht klettern könne - ja klar, Röhre ist völlig unkindgemäß - als ich ihr dann aber auf dem Flohmarkt einen Stapel älterer Jeans (aus der Zeit, als Kinderhosen noch Kinderhosen waren) zum Anprobieren gab, beschaute sie sich von oben und meinte bei einer jeden: die sei zu weit, wie das aussehe ... (ich hab sie trotzdem gekauft: basta - und heute hat sie die erste in der Schule an, mal schauen, ob sie das überlebt)
gelacht
die Tochter erklärt wissend, dass sie niemals ein Kleinkind auf diesem Geländer balancieren lassen würde - warum nicht? - naja: Kleinkinder erkunden doch immer so die Umgebung ... - und Du nicht mehr? (kann ich mir nicht verkneifen zu fragen) - vorpubertärer Blick, Augenrollen, genervt-belehrender Tonfall: Mama! Des iss ja schon so, dass ich mich in der Welt auskenne ...
berührt
von meiner neunten Klasse, von der Mischung der in ihnen streitenden Lebensphasen, von dem Vertrauen in ihrem Blick - sei er auch noch so sehr unter langen Haaren hervorgeworfen - und von der Suche, die in jedem Wort, in jeder Geste hervorblitzt
Ausblick
erstmals eine komplett volle Woche: alle Kurse, alle AGs, alle Termine fangen wieder an - bis das laaaaange Wochenende Atem schöpfen lassen wird
Dankbarkeit
für die Momente, in denen kurz alles stillstehen darf, weil mein Weg zum Außenklassenzimmer unter gefärbten Bäumen und blauem Himmel entlang führt, weil ich meinen ersten Kaffee auf der Terrasse im Morgennebel trinken darf, bevor ich die Kinder wecke, weil wir in der Sonne Haselnüsse sammeln, bis sie aus den Jackentaschen herausquellen, weil mein Fahrrad mit mir über die Felder fährt und der Fluss vor meinen Augen so fließt, wie er schon immer geflossen ist  ...

Dienstag, 23. September 2014

Wochenrückblick 38/14

(Es wird sich wohl einschleichen, dass ich erst montags schreibe. Selbst bei arbeitsfreiem Sonntag. Oder gerade dann: So wertvoll, den Computer mal ganz auszulassen. Und so entspannt, den Alleinvormittag nicht sofort um sieben am Schreibtisch zu beginnen. Obwohl dieser ruft, immer lauter, immer drängender.)

Wetter
Draußensitzwetter, zuweilen richtig Sommer - für mich mal wieder viel zu warm (vor allem in den Klassenzimmern), während alle anderen aufjuchzen; erst am Sonntag Regen mit Gewitter, Hagel, Winden - die ganze Palette
gemacht
sooo früh aufgestanden, sooo ungewohnt wieder einen Rhythmus zu leben, sooo viele Termine plötzlich - wir haben aber alle Sporthallen und Musikzimmer noch wiedergefunden; am Montag zunächst das neue Schuljahr mit einem dicken Eisbecher begrüßt; an so manchem Abend spielend und redend beieinander gesessen - in der ersten Woche erzählt ja sogar der Sohn noch aus der Schule; viel in der Schule gewesen, einschließlich GLK (Gesamtlehrerkonferenz) - die schönste je erlebte, weil so viel Wichtiges zu feiern war; an die Schreibtischabende noch nicht wieder gewöhnt; das sogenannte arbeitsfreie Wochenende dann für Steuer, Beihilfe und Krankenversicherungsanträge genutzt - und versucht mich nicht in negative Gefühle gegenüber diesen nervigen Lebensverwaltungstätigkeiten hineinziehen zu lassen; eine Einschulungsfeier besucht und den Straßenausschank am Fluss, an dem es neuen Wein gibt (willkommen, Herbst!)
gehört
ich liebe dieses bunte Ton-Klang-Stimm-Gemisch aus allen Fenstern der Musikschule - und mittendrin höre ich immer die meinen heraus:) ; meine eigenen Klaviertöne: upps - geht doch noch; die Aufzeichnung eines Jubiläumskonzerts, auf dem wir Alten unsere alten Lieder singen durften - hach, ich musste das gleich nachts anschauen und habe dafür eine halbe Nacht Schlaf versäumt
gelesen
Meike Winnemuth: Das große Los - bin fast fertig (und fühle mich, obwohl ich so ganz anders lebe, denke und fühle als diese Frau, doch irgendwie aufgerüttelt von ihrem Erleben, einfach so in die Welt aufzubrechen und das Gewohnte zu Hause zu lassen)
begegnet
unserer Klavierlehrerin bei neuem Wein und einem Gespräch über das Leben; anderen Eltern im Dorf - nach den Ferien muss man sich erstmal durch die Straßen plaudern:); einer Freundesfamilie und deren Freunden
gedacht
grübel: wie viel Einmischung braucht ein Pubertierenden-Chaos-Zimmer - und wie viel Aushalten werde ich in den nächsten Jahren erlernen können? und wie schaffe ich es, die vielen Für-mich-Inseln dieser Woche beizubehalten?
gefühlt
ja wie eigentlich? - im Dazwischen-Zustand: nicht mehr dort, noch nicht hier
gestaunt
wie viele To-do-Dinge in eine Alltagswoche passen; wie selbstständig die Kinder plötzlich ihre Schulsachen in die Hand nehmen - war das vor den Ferien nicht noch ganz anders? und auch sonst sind sie plötzlich ganz groß, scheint mir
gekauft
eine Fahrkarte zu einem Treffen mit meiner Vergangenheit (die durch das gemeinsame Singen im März wieder zu einem Stück Gegenwart wurde - sonst hätte ich wohl diese Fahrkarte nicht gekauft); ein paar Nachzüglerschulsachen (die Kinderschulen teilen freundlicherweise ihre Listen sonst schon vor den Ferien aus); Klezmer-Noten, einfach so, in der Hoffnung, dass die Kinder irgendwann Musik draus machen (der Sohn hat schon angebissen); ein neues Portemonnaie für den Sohn - grmpf - siehe unten
gefreut
mit den Kindern über ihre Lehrerfreude: beide haben es gut getroffen und sind am ersten Schultag fast abgehoben vor Glück; so viel gutes Erleben in der Schule; und auch darüber mich während der Musik- und Sportwartezeiten in ein Café gesetzt zu haben, mit Blick auf den Fluss, nur für mich, ganz selig mit Milchkaffee
geärgert
dass Herr Sohn seine Verkehrsverbund-Jahreskarte schon vor Schulbeginn verbummelt hat und ich deswegen stundenlang im Servicecenter anstehen musste, zumal mit der Aussicht, dass wir eine zweite verbummelte nicht mehr so einfach ersetzt bekommen - grmpf: jetzt frage ich jeden Abend und jeden Morgen nach, wo das kostbare Stück steckt - bisher ist sie noch da
gelacht
weiß nicht mehr genau: wir haben gerade so viel Wortwitz am Tisch, denn die Tochter beginnt zu entdecken, wie herrlich man mit Sprache spielen kann - ab und zu platzt sie mit etwas heraus, das uns fast unter den Tisch wirft vor Lachen (leider vergesse ich das so schnell wieder wie Witze)
geweint
ein Jahr bist Du nicht mehr hier, (((Oma)))
berührt
von den 5t-Klässlern im Schulhaus - mensch, wie klein die sind - mittlerweile sind schon engste Kindergartenfreunde der Tochter dabei *schluck*
Ausblick
eine noch abgespeckte Schulwoche, da Studienfahrten und Prüfungen meine Präsenzzeiten um ein Drittel vermindern, so dass ich wiederum im Home Office ... ja stimmt, mein Schreibtisch ruft, ich komme ja gleich ...
Dankbarkeit
all diese kurzen Für-mich-Zeiten der Woche, eingestreut zwischen dem wilden Wirbeln

Sonntag, 21. September 2014

Ein Schuljahr im Werden #4

Seltsam, versuche ich mich zu erinnern, was ich an den restlichen Tagen meiner Vorbereitungswoche in den Ferien getan habe, weiß ich nichts mehr. Von morgens bis nachts am Schreibtisch verbracht und gewerkelt, doch woran? Wie zu Windelzeiten, als man den ganzen Tag unablässig beschäftigt war, ohne abends sagen zu können womit eigentlich.
Was ich noch weiß: mein Kopf funktionierte langsam, mehr als alten Wein in alten Schläuchen produzierte er nicht, keine zündenden Ideen, keine Neuerungen. Jedenfalls: die erste Woche für Klasse 9 war fertig vorbereitet, soweit das eben ging, da ich ja die Schüler nicht kannte. Die Einstiegsstunden für Klasse 8 waren angedacht. Die gesamte erste Schulwoche war festgezurrt, im Geiste und in Dateiordnern. (Und nun ist alles schon wieder aufgebraucht.)
Dann verreiste ich, der Kopf durfte nochmals leer werden. Himmelschauen, eine Woche lang. Himmelschauen kann man ja auch beim Blick in Bücher oder in die Flammen eines Lagerfeuers.
***
Die Schulstartwoche beginnt abrupt. Gerade noch im Zug sitzen, schon vor der Klasse stehen. Und doch ist es diesmal irgendwie anders. „Die erste Schulwoche ist immer der Rausschmeißer aus dem Feriengefühl“, schreibe ich an einen Freund in einer Mail. Dabei stimmt das gar nicht, stelle ich hinterher fest. Dieses Jahr stimmt es nicht. Nicht so wie sonst jedenfalls, nicht so total, nicht so unruhig vibrierend. Alles fühlt sich noch ruhig an. Warum? Vielleicht lerne ich dazu, schaffe es von Jahr zu Jahr besser, mich nicht gleich aufreiben zu lassen, nicht gleich ins unbarmherzige Tempo werfen zu lassen, nicht gleich meine Ferienruhe aufzugeben.
Startvorteil: Am Montag sitze ich zunächst völlig freiwillig im Lehrerzimmer, habe keinen Unterricht. Will nur eben meine klein-großen 6er begrüßen, gehe mit in die Klasse, wir sind zu zweit (Luxus! alles organisiert sich wie von selbst), Wiedersehens- gepaart mit Vorfreude. Der Rest des Vormittags vergeht mit Kollegenschwätzchen, durchaus auch arbeitsamen Inhalts, Kopieren, Kruschteln, Arbeitsplatz einrichten, Listen erstellen - und Freuen über meinen neuen Lehrerzimmersitzplatz, über meine neue Nachbarin vor allem.
War doch umgeräumt worden in den Ferien; jede und jeder musste neu sehen wo bleiben. (Unser Lehrerzimmer ist eng, sehr eng. Legebatterieähnlich. Ein Fall für Tierschützer; ich übertreibe nur wenig. Nun ist es immer noch eng, aber in die andere Richtung. Fühlt sich im Moment wie ein besseres Eng an.) Wir also, die wir nicht in der letzten Ferienwoche schon einen neuen Platz errannt hatten, mussten am Montag zusehen. Es war noch die Ecke mit dem stärksten Durchgangsverkehr frei, und dort sitzen wir nun alle miteinander: alle Nichtvorsorglichen, Nichtbesorgten. - So gut hatte ich es mit meinen Nachbarn selten getroffen, übrigens. Die Kollegin neben mir kommt aus einem Sabbat-Jahr zurück. Kein Zufall, jetzt, da ich diesen Plan erstmals in meinem Herzen wäge. Beide freuen wir uns an unserer neuen Nachbarschaft und über das uns einende Vorhaben, im Hamsterrad ein lebbares Tempo zu bewahren. Die erste Woche haben wir mit Bravour geschafft, stellen wir am Freitagmittag fest, an unserem Tischlein sitzend, das wir jetzt schon als Festung der Ruhe inmitten des Lehrerzimmersturms empfinden.
Die Woche kommt ins Fließen, ich begegne nach und nach meinen Klassen wieder. Die Freude ist unterschiedlich groß, auch bei den Schülern. Ist ja wohl normal, dass nicht alle wie die Kleinen strahlen, wenn sie nach monatelanger Pause wieder Mathe und Physik haben dürfen:)
Eine wirkliche Freude aber – für mich jedenfalls – wird der Start mit der neunten Klasse, die ich als einzige nicht kenne und vor der ich großen Respekt habe, weil dem Alter ohnehin und insbesondere diesem „Haufen“ ein Ruf vorauseilt. Und dann werden unsere ersten vier Stunden einfach nur gut. Gut gut gut. Mein Gefühl sagt mir, dass wir zueinander finden werden. Weil die Schüler sich mit großer Offenheit, mit großem Vertrauen, ein wenig hilferufend und dabei mir in die Augen blickend sofort auf unsere Beziehung einlassen. Chaotisch, unruhig, lärmend, nichtzuhörend – in der Tat: ein „Haufen“. Aber das ist unwichtig am Anfang. So sind sie eben. In der ersten Stunde zunächst. (In der zweiten schon weniger, übrigens, weil ich das nicht will. Und weil sie sich meinem Wollen nicht verschließen.) Abgründe tun sich auf, als ich ein wenig durchteste, was aus Klasse 7 und 8 hängen geblieben ist. Nix, möchte ich fast diagnostizieren. Mathematische Kopffüßler sozusagen, in einem Alter, in dem der Bildungsplan differenziertes Perspektiv- und Detailzeichnen erwartet. Schauen wir mal, als wie gelenkig wir uns im Können-Sollen-Spagat erweisen – mit Spannung und Vorfreude schaue ich auf diese Aufgabe.
Ihre Erwartungs- und Wunschliste an mich übrigens, auszugsweise, ungeordnet:
faire Noten, abwechslungsreicher Unterricht, auf alle Schüler eingehen, leichte Arbeiten, jede Frage würdigen, keine Unter- und Überforderung, wenige Hausaufgaben, Klasse zur Ruhe bringen, dass wir Mathe nicht mehr hassen, verständliche Arbeitsaufträge, weniger Tests, lockerer Unterricht, mündliche Noten unabhängig von schriftlichen. 
Manches ist leicht: Ruhe kann ich. Hassfach-wegmachen meist auch. Manches ist unerfüllbar: Niemanden unter- oder überfordern. Haha, 28. Hochbegabung und Dyskalkulie inklusive. I’ll do my very best.
Die erste Woche ist um, das Schuljahr hat begonnen, ich bin mittendrin. Am Freitagabend dann droht – bei aller Ruhe – doch noch die erste Nackenverspannung. Wie ich ihr begegne? Wärmkissen umlegen, schlafen gehen, obwohl es erst Neun ist, das Wochenende komplett arbeitsfrei lassen …

Dienstag, 16. September 2014

Restferienrückblick

(Was sich angefühlt hat wie der Rest der Ferien, war eigentlich deren Hälfte. So unterschiedlich ist Zeitwahrnehmung.)

Wetter
warum all die Wetterklagen - habe ich oft in diesen Ferien gedacht - entweder war das schlechte Wetter immer nur dort, wo ich nicht war, oder mir als Nichtsommeranbeterin wird schon gar nicht mehr bewusst, was ein "schlechter" Sommer ist (und ich leide nur unter der Hitze der "guten"), jedenfalls: viel spätsommerliche Terrassensitzzeit, mal mit, mal ohne Decke, ein paar Tröpfchen zwischendurch, erste herbstliche Morgennebel, die ich so liebe
gemacht
ein bisschen Ostseeluft und wasserumspülte Füße zum Radreiseausklang, Heimkehr mit Wäschebergen, Wo-waren-doch-gleich-die-Lichtschalter? und Mein-Gott-der-Garten-hat-das-Haus-überwuchert, Versuch inneren Ankommens;
Schulsachenvorbereitung mit den Kindern zusammen, eigene Schulgedanken und handfeste Vorbereitungen (Ihr musstetdurftet davon lesen);
neue Sohnesbrille organisiert (eine größere Aktion, wenn die alte geliebte kurz vor Ferienende zerbricht und die engzementierte Vorstellung - Harry-Potter-Style, sonst nix - mit gegenwärtigen Brillenmoden extrem nichtkonform ist und zudem der Augenarzt Terminwartezeiten von eigentlich einem Vierteljahr hat);
einen Teenager gefeiert (mit "Kinder"übernachtungsgeburtstag, den der Sohn auf seiner Einladung selbst so genannt hat, ohne Gänsefüßchen - ich habe innerlich gegrinst und nichts dazu gesagt), Ausflüge zu Sommerrodelbahn und Kletterpark;
Kinder in Urlaub mit Papa verabschiedet und heil wieder in Empfang genommen, eine Alleinwoche zu genießen gewusst, viele ruhige Morgenstunden gehabt, gelesen und geschrieben;
eine Trauerfeier besucht und den heimgekehrten Kindern davon erzählt, mich mit ihnen zusammen erinnert, was sie alles mit dieser Lehrerin erlebt haben;
mit den Kindern nach Berlin (zu Oma und Opa) und nach Boitzenburg zum Klassentreffen gefahren - Freunde wiedergetroffen, Kanu gefahren (mit Loch im Boot:)), Lagerfeuer, Volleyball, Grillen mit Regenguss, wenig Schlaf, Abschiedswinken und am nächsten Tag per Mail gleich den Termin fürs nächste Jahr vereinbart;
und dann: Sonntag Abend wieder hier eingetrudelt, so knapp sind wir selten aus den Ferien gekommen
gehört
den Wind und das Meer, das Knistern des Feuers, erste Wiederankommensversuche auf all unseren Instrumenten, Bach-Kantaten noch und noch, und leider immer noch nicht die Übe-CD fürs nächste Chorprojekt (obwohl mein ständiges Probenfehlen dies dringend erforderlich macht)
gelesen
Tellkamp: Der Turm; Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre; Susanna Tamaro: Geh, wohin dein Herz dich trägt; Sabine Bode: Die vergessene Generation; und natürlich viel Schulzeugs
begegnet
den Lehrerinnen von der Schule der Kinder, auch der pensionierten, tränenüberströmten Sohneserstklasslehrerin (es war ihre Nachfolgerin, von der wir Abschied nahmen);
meiner alten Schulklasse - hach!
gedacht
beim Lesen des "Turms": wie glücklich ich mich wähnen darf, dieses Land nicht auch noch als Erwachsene, als Familienmutter und Berufstätige erlebt zu haben, so dass mir all das Bedrückende, Schauerauslösende, was mich Kapitel um Kapitel schüttelte, irgendwie dann doch nur am Rande meiner Jugend begegnet war (übrigens: für mich persönlich bisher das "wahrste" Buch über die DDR, was ich gelesen habe);
dass ich ins Schuljahr mitnehmen sollte, was ich in meinen Vorbereitungstagen erfolgreich begonnen habe: mir selbst Zeitfenster zu setzen, die Tätigkeiten nicht ausufern zu lassen, sondern endlich mal die Pareto-Regel nicht nur theoretisch zu durchdringen
gefühlt
glücklich über unsere Fahrradreise - das ist noch gar nicht wieder abgeebbt; glücklich auch über die Ferienzeit zu Hause, wenn endlich mal Kinder und Haushalt nicht um knappste Zeitvorräte mit Schuldingen rangeln müssen, rundum innerlich ruhig, noch unbeeindruckt von dem, was bald wieder anströmen wird - diese Ruhe strahlt sogar noch in die ersten Schultage hinein
gestaunt
wie die Kinder in den Ferien immer wachsen - das ist auch dem Mann im Eisladen aufgefallen, der die Tochter nach unserem Urlaub fassungslos ansah: Boah, bist DU groß geworden!!!
gekauft
Fahrkarte nach Berlin; dem Sohne zum Geburtstag, was er sich wünschte (verrat ich nicht:)); Schulbücher für mich (doch doch, ich hab schon welche, aber im Regal fand sich noch ne Lücke); Hefte und Schuldinge für die Kinder einschließlich Turnschuhen (41 und 34 steht auf den Sohlen, ich glaub das ja gar nicht); wie gesagt: leider eine neue Brille; und als Luxus: ein Holztablett, um meinen Arbeitsplatz besser mit Kaffee und Tee versorgen zu können
gefreut
einfach nur Zeit zu haben, mich den Kindern zu widmen, ob spielend, ob redend, ob beobachtend, oder gemeinsam kochend, gartenwerkelnd, sogar aufräumend - es waren so viele Nähemomente
geärgert
wie ich mich in immer die gleichen Muster hineinziehen lasse
gelacht
über den allerersten Comic der Tochter; viele witzige und slapstickartige Gesprächssituationen, von der entspannten Ferienzeit geschenkt; und unsere Klassentreffen sind sowieso immer lachsalvenüberflutet
geweint
beim Lesen der völlig unerwarteten Todesanzeige, und dann auf der Trauerfeier, und ein weiteres Mal, als die Kinder aus dem Urlaub kamen und ich es ihnen erzählte und wir gemeinsam sprachlos da saßen
berührt
in wie viele Gespräche ich mit den Kindern komme, wie viel aus ihnen zu mir strömt (und vermutlich umgekehrt auch), wenn ich mit Ruhe und Zeit und Gelassenheit einfach nur nichtberufstätig bin
Ausblick
Schule fängt an - und ich froooiii mich! (wenn ich auch noch großen Respekt vor der nun wieder anbrechenden dichten Zeit habe)
Dankbarkeit
morgens aufzustehen und zu leben!
und dann noch: dass hier eine Waschmaschine steht - wie gingen Urlaubswäscheberge in Zeiten der Handwäsche??? vermutlich gab es kaum Urlaube ... also auch noch: dass wir solch wunderbare gutdichte Ferienzeiten erleben dürfen

Montag, 8. September 2014

Zwischendurch


Zwischen all dem Schulemachen, täglich abends, wenn das Tageslicht nicht mehr auf den Monitor blendet, blättere ich mich durch meine Urlaubsfotos. Erstmals seit der Rückkehr ist Zeit und Raum dafür, in dieser Woche, da die Kinder mit dem Papa im Urlaub sind und ich allein bin.
Ich blättere. Bild um Bild. Vor und zurück. Jeden Tag durchspielend in meinem Erinnern. Unglaublich, wie mir jeder einzelne Moment, jeder Anblick, jede Etappe - auch die, von denen ich keine Fotos habe - intensiv vor dem inneren Auge erscheint. Ich muss den gesamten Weg, den gesamten Wegesrand aufgesogen haben, mit allem, was er in sich trug.

Noch selten hat mich nach einer Reise das Rückschauen so wehmütig gemacht. Da ist ... hm ... fast schon: Trauer ... dass ich diese vergangenen Tage und Wege loslassen musste und muss. Lasse ich doch zugleich auch ihr Lebensgefühl los, je stärker hier wieder Alltag einzieht. Das schmerzt, und das Wissen um ein "nächstes Mal" vermag nicht zu trösten. Kein Gefühl von Feriensattheit, wie ich es oft hatte. Mein Ich will sich nicht ins Ferienende hineinbegeben. Was ist das?

Besonders treffen mich die Bilder meiner verschiedenen Vergangenheiten, die mir auf der Reise begegnet sind. Es war so leicht, verklärend sehnsüchtig durch diese Straßen zu streifen. --- Es ist so schwer, all das Unaufgelöste zu realisieren, das diese Zeiten in sich tragen. Immer noch. Dieses verknüpft sich gerade mit den vielen Knoten, die meine Gegenwart bestimmen. Unaufgelöstes im Innen, im Außen, und kein Wegleugnen, kein Verklären möglich. Urlaubsmitbringsel: meine dringenden Aufgaben im Spiegel vor mir zu sehen.

Und noch etwas sehe ich im Spiegel (dem ich im Moment am liebsten entfliehen würde): das Fahren, das Unterwegssein an sich, das gesamte Seinsgefühl, von dem ich ahne, dass genau so zu leben wäre, wollte man nicht am Ende seines Lebens voller Bedauern zurückblicken - das konfrontiert mich damit, dass ich hier zu Hause gerade schon wieder in ein alltägliches Funktionieren abgleite, in ein allgegenwärtiges Verlieren des Augenblicks.
Verpackt in Schule-ist-mein-Traumberuf, in Haushalt-und-Ordnungmachen-befriedigen-mich, in Die-Kinder-wollen-und-brauchen-das-so kommt dieses Verlieren besonders subtil, kaum zu durchschauend, kaum greifbar daher.
Natürlich sind diese Sätze alle in gewisser Weise wahr. Zweifellos. Aber über weite Strecken meiner (All)Tage verselbstständigen sie sich, lösen sich von mir, zwängen mich in ein Korsett, lassen mich nicht mehr allein atmen. Manchmal "machen" sie mein Leben, ohne dass ich noch beteiligt zu sein scheine. Irgendwie so.
Könnte es anders sein? Ist das nicht mein selbstgewählter Weg als Working-mum? Mit all den Notwendigkeiten, zwischen denen ein Reiselebensgefühl im Hier und Jetzt (klingt abgedroschen, trifft es aber) kaum möglich ist?

Das Radwandern lehrt vieles: dass zwischen den notwendigen Dingen - den richtigen Weg und Nahrung und einen Schlafort finden, Zeit und Kraft einteilen, Wetter im Auge behalten, sich den Gegebenheiten des Weges fügen - ein inneres Sein und Verweilen möglich ist, ja, dass das gesamte Sein nur aus Verweilen besteht, aus tretenden, schauenden, staunenden, atmenden Augenblicken. Dass eine Rast vor einer grauen, trostlosen Mauer in einem grauen, trostlosen Dorf nur durch meine Wortwahl grau und trostlos scheint - gelebt haben wir sie als rundum guten Moment. Dass ein Tag voller Kilometer und Eile nur durch die Uhr am Handgelenk eilig scheint - gelebt haben wir ihn als rundum guten Tag. Dass viele Stunden ohne warmes Essen nur durch die (deutsche?) Idee einer warmen Mittagsmahlzeit unbehaglich scheinen - gelebt haben wir rundum gute Stunden. Anstiege, Gegenwinde, Umwege, sich ziehende Strecken - alles rundum gute Momente. So war das auf der Radreise.

Und hier??? Wo finde ich hier inneres Sein und Verweilen zwischen all den Notwendigkeiten? Geht das? Geht das nicht? Bin ich zu schwach, zu unfähig, meine Alltagsschritte umzuwandeln in solche, die dem Rundum-Gut der Radreise auch nur entfernt nahe kommen? Oder ist das Illusion, weil das "echte" Leben eben doch keine Radreise ist? Was würde es bedeuten, durch die Alltage zu gleiten wie durch die Landschaften mit dem Fahrrad?
So viel zu arbeiten, wie ich es in den letzten Jahren getan habe, so beschäftigt zu sein auf allen Ebenen, entbindet ja bequemerweise auch davon, dieser Frage ehrlich ins Gesicht zu schauen: 
Unfähigkeit oder Unmöglichkeit?

So Fragen, aus Urlaubsbildern heraufsteigend. Und nicht nur. Auch aus der seit Dienstag auf meinem Schreibtisch liegenden Todesanzeige. Sie war ein paar Jahre älter als ich, eine Lehrerin meiner Kinder, hätte in zwei Wochen eine neue erste Klasse in ihre warmen Arme schließen sollen. Eine "Lehrerin mit Leib und Seele", schreibt ihre Schulleitung, "mitten aus dem Leben", schreibt ihre Familie. --- Wie leben wir dieses Leben? Wie lebe ich dieses Leben? --- Ob sie im Frieden ging? Ob da Bedauern blieb? Ob sie auf ein Rundum-Gut zurückschauen konnte? Oder ob da bis zum Schluss Suche nach einem "Reiselebensgefühl" blieb, wie auch immer sie das in ihrer Sprache genannt hat?
Zwischen Schuldingen und Fotoschauen gehe ich auf die Trauerfeier. Auch stellvertretend für meine Kinder, die noch im Urlaub sind. Tränen. Erschütterung. Umarmungen.

In dem Moment, wo hier plötzlich der Tod in meine gärenden Fragen hineinschwingt, das Wiedermalgewahrwerden, dass nicht ewig Zeit bleibt, wo nicht Kinder und Schulalltag mich ablenken, wo kein Ausredenmäntelchen zum Flüchten mehr bleibt --- fühle ich mich nackt. Konfrontiert mit mir selbst, ohne alle Tarnhüllen und Schutzhäute.

Ich ahne, wie verführerisch und einlullend der Gedanke ist, das ginge eben allen berufstätigen Müttern so. So sei das eben, alles "normal" also.
Ich ahne, dass es nur allzu bequem ist, das Schild "Unfähigkeit" mit dem Etikett "Unmöglichkeit" zu überkleben.
Ich ahne, dass, wenn ich mir das Schild schon sichtbar vor Augen führe, ich die "Unfähigkeit" dringend umbenennen müsste. In einen liebevolleren Begriff, der noch zu suchen wäre. Damit sich mein inneres Kind nicht gepeitscht fühlt.
Und aus diesen Ahnungen blitzt mich unverhüllt und ungeschützt mein Ich als Du im Spiegel an.

"Zwischendurch", schrieb ich oben hin, bevor der Text aus mir wuchs.
In manchem Zwischendurch wohnt wohl das Eigentliche.

Sonntag, 7. September 2014

Ein Schuljahr im Werden #3

Heute morgen bin ich ungewohnt schnell am Produzieren, weiß jetzt schon nicht mehr, was da alles herauskam, und hoffe, mich in der ersten Schulwoche noch aller Dateien zu entsinnen. Wenn ich so weitermache, ist bald die erste Woche komplett vorbereitet. Und dann könnte ich ja nächste Woche die zweite Woche, und in der ersten Schulwoche dann die dritte, und in der zweiten die vierte vorbereiten ... wie verlockend das klingt ... ob das so geht?
Nee, unrealistisch. Nur wenn ich umlerne: von "Eine Aufgabe dauert immer so lange, wie ich noch für sie habe" zu "Eine Aufgabe dauert genau so lange, wie ich ihr gebe". - Ich habe viel zu lernen.
Aber zunächst mal formen sich die gestrigen "flauen Ideen" für Klasse 6 zu einer konkreten Planung der ersten Woche, schon mit Arbeitsblättern und allen zugehörigen Überlegungen.
Klasse 12 bekommt ein Gruppenpuzzle zur Wiederholung von Funktionseigenschaften. Über dieses bis zum Überdruss moderne Gruppenpuzzle töne ich immer herum, dass ich noch nie eines gemacht habe, weil die Methode so überhaupt nicht meine ist. Still und klammheimlich werde ich es nun in meinem Luxuskurs (die Schüler wissen alles schon ohne mich, wirklich, und das in Mathe, in Ma.the!) doch mal wagen.
Dazu liegt ein Stapel Trainingsblätter bereit, viel zu gutgemeinthoch wie üblich, und ich kann schon jetzt in der noch zu entstehenden Abizeitung über die von mir permanent flutenden Übungsaufgabenberge lesen. Aber solange ich beim Lehrerranking "Beste Abivorbereitung" weiterhin unter den ersten drei lande, nehme ich den "Kopierfreak"-Titel gern als Additum in Kauf :)
Für Klasse 9 lege ich noch Ordner und Unterlagen auf den Schreibtisch, damit es morgen früh (oder heute abend noch) einen schnellen Start gibt. Spannend: ich habe diese Klassenstufe, diesen Altersjahrgang in G8-Zeiten noch nie (in Worten: NIE) unterrichtet, weiß gar nicht wie das geht mit dieser aufgeblühten Pubertät. Kurz vor den Ferien durfte ich einmal inkognito in genau diese Klasse, die jetzt die meine wird, zu einer Vertretungsstunde. Nun, sagen wir mal: es wird eine Aufgabe.
Ich realisiere erschreckt, dass im Oktober eine Vergleichsarbeit ansteht und dass ich keine Ahnung habe, wie eine solche aussieht - wie unwissend kann man sein als erfahrene Lehrerin im Schuldienst :(  Ich lege also noch mehr Ordner und Unterlagen für morgen auf dem Schreibtisch bereit und maile hilfesuchend meinen Lieblingskollegen an. Wird schon, wird der mir hoffentlich schreiben. So lange muss ich mir das selber sagen.
Was auf jeden Fall wird bzw. schon geworden ist: mein Stundenplan. Der flattert in diesem Moment in die Mailbox. Es ist mir fast schon ein wenig unangenehm gegenüber den Kollegen: Seit Jahren habe ich das Gefühl, ich bekomme immer die beneidenswertesten Pläne. So dass ich meinen Zettel ganz schnell umdrehe, wenn im Lehrerzimmer das große Jammern und Klagen ausbricht.
Diesmal etwa: keinerlei Nachmittag, und montags kein Unterricht. Hej: montags kein Unterricht!!! Hatte ich erst einmal im Leben. Wie das war? Sonntage waren endlich Sonntage, so wie die meisten Menschen Sonntage eben verbringen: sonntäglich und unschreibtischlich.
So hoffe ich jetzt mal auch. Da gibt es zwar noch meine weitere Teilzeitstelle neben der Schule, die nun u.a. meine Montage füllen wird. Da diese aber eher präsenz-, weniger vorbereitungsintensiv ist, darf ich vielleicht wirklich hoffen, dass Sonntage in den nächsten Monaten zu wirklichen Sonntagen werden ...

Freitag, 5. September 2014

Ein Schuljahr im Werden #2

Auch an Tag 2 lässt der Kreativitätsschub auf sich warten. Dennoch wende ich mich vom Wegwerfen ab und dem Produzieren zu. Kalendereinträge, Schülerlisten, Exceltabellen jeglicher Machart, Formulare und Infozettel für Eltern und Schüler, Stoffverteilungspläne, erste Einträge in Planungsvorlagen. Gedanklich noch nicht sehr fordernd, einfach nur abzuarbeiten.
Grundsätzliche Überlegungen zu strukturierterer, papiervermeidender, langfristig brauchbarer Planungstätigkeit: Wenn meine digitalen Dokumente sich beginnen zu bewähren und vorzeigbar werden, mehr dazu.
Bisher war ich nämlich eine große Freundin von Fresszetteln, Kladden, Papieraufzeichnungen, winzigen Schreibblöcken, Randnotizen, Post-its, die dann irgendwann abfallen, Kalenderdoppelführung ... nur das Genie überblickt das Chaos. Mit den Jahren werde ich wohl weniger genial:), oder ich bin es einfach leid, das Rad jedes Schuljahr neu zu erfinden, weil ich meine alten Aufzeichnungen nicht mehr finde oder nicht mehr durchschaue oder die Reihenfolge umstelle und daher alles neu aufschreibe oder oder oder. Zu viel Gedankenverwaltungstätigkeit, zu wenig Zeit für inhaltliches Denken, sagt mir mein Unbehagen. Und sagen mir eben die 30 Leitz-Ordner.
Daher heute also ein paar grundsätzliche Überlegungen, wie ich meinen Berufsalltag mit Computer, Tablet, Handy, Word, Excel, GeoGebra, OneNote, einem noch zu findenden Termin- und Aufgabenplaner und viel Synchronisation weiter digitalisieren kann. Meine kleine persönliche Revolution:)
Am Nachmittag dann doch noch Eintauchen in Inhaltliches: Planung von Klasse 6. Wiedererinnerungsmaterialien - ui, ich hab vor den Ferien ja schon was kopiert: wie vorausschauend! Dazu ein paar flaue Ideen für einen "Ferienaustausch" mit sinnvoller mathematischer Wiederholung (Rechnen mit großen Zahlen, Umrechnen von Einheiten, Darstellen von Daten in Diagrammen - da muss doch was gehen?!) Aber diesen Jahreseinstieg nicht ausufern lassen bitte, sage ich zu mir selbst; das tut schon mein Stoffverteilungsplan, weil ich für die Bruchrechnung so viele Ideen habe, dass ein Schuljahr kaum reichen wird.
Ich blättere also in meinen Notizen zu den dialogischen Ideen (siehe auch hier und hier), in die ich diesmal mehr als bisher nur mit der großen Zehe eintauchen will. Ein Spagat zwischen absolutem Stofffülle-Zeitmangel in unserem G8-Gymnasiumsplan und dem Ahnen darum, dass diese - zeitintensiven - Wege des Lernens die einzig nachhaltigen sind. Ich suche geeignete Aufträge aus dem Ich-Du-Wir-Lehrbuch und Texte aus  "Zu Gast bei Brüchen und ganzen Zahlen" und freue mich schon jetzt auf kreative Schülertexte, -ideen und -zeichnungen in den Heften, auf unsere (schriftlichen) Dialoge und auf die dabei entstehenden persönlichen "Bruchalben". Schon vor zwei Jahren hatte ich dies punktuell gewagt, erlebte mit den Schülern zusammen sehr intensive Unterrichtsphasen, erblickte plötzlich ganz andere Schüler (vor allem Schülerinnen!), konnte ganz neu in die Gedanken der Kinder hineinschauen. Damals kapitulierte ich dann aber vor der drückenden Enge des Stoffes. Diesmal der Versuch, länger durchzuhalten, das Jahr anders einzuteilen. Mein passioniertes Matheplanungshirn beginnt zu arbeiten ...
Im Nachklapp flutscht gleich noch die Stoffverteilung für den Kurs in den Computer - am 19. März ist Abitur, auf gehts. (Wenn ich mich nicht verzähle: mein sechstes. Mit dem 1987er zusammen mein siebtes. Man, bin ich alt:))
Eigenbeobachtung: Je später der Tag, desto selbstgesprächiger werde ich. Ganz schön einsam hier an der Vorbereitungsfront. Habe schon begonnen Mails an Kollegen zu schreiben. Aber noch keiner wagt sich aus der Deckung des Ferienschlupflochs heraus. Na wartet. Wenn Ihr nächste Woche vor davonlaufender Zeit japst, sitze ich in Berlin und verbringe in Ruhe meine letzte Ferienwoche. Weil ich nämlich alles fertighaben werde.
Mit diesem Ziel vor Augen heute gleich meine erste Undiszipliniertheit, das mir selbst verordnete Zeitfenster von sechs Stunden täglich zu sprengen. Um eine Stunde. Psst. Für morgen gelobe ich Besserung ...

(PS: Alle die bis hierher durchgehalten haben, sind wahrscheinlich selbst Mathelehrer oder verdienen ein Kompliment. Das Oder schließt ja das Und ein ...)

Mittwoch, 3. September 2014

Ein Schuljahr im Werden #1

Wie gut, denke ich, als ich plötzlich diesen Zettel wiederfinde. Habe ich doch vor den Ferien noch schnell notiert, mit welchen Plänen, Ansätzen, Umsetzungen dieses neue Jahr starten soll. --- Blöd nur, dass ich dies in so knapper Form getan habe, dass mir meine Ideen nun selbst verborgen sind :(
Also erstmal Computer hochfahren, Datei für Datei, Zeile für Zeile abtasten, zäh fließen Wiedererkennensmomente. Ich rühre in meinen Gedanken wie in einer Suppe, Struktur lässt auf sich warten und sich nicht herbeibetteln, Kopf und Auge springen hin und her zwischen Blättern, Listen und Kalendern, die Hände zupfen derweil wahllos Bücher, Broschüren und Leitz-Ordner aus dem Regal. Binnen Minuten ist der Schreibtisch zugedeckelt.
Nun also: Leitz-Ordner. Wenn ich sie schon herausgewuchtet habe. Da ist zum Beispiel der mit der Aufschrift "Klasse 11". Die gibt es bei uns schon seit 2010 nicht mehr. Irgendwann wollte ich die Materialien wegsortieren - dorthin, wohin sie im G8 jetzt gerutscht sind: nach 10, oder in die Kursstufe, oder eben ins Nirvana. - Irgendwann ist jetzt.
Zum Motto des Tages wird: Wegwerfen, Aussortieren, mich trennen. Von Materialien, Arbeitsblättern, Tests nämlich, die ich einmal und nie wieder benutzt habe, in denen sich meine ambitionierte stürmische Anfangslehrerseele widerspiegelt, mit denen ich schon damals Schüler überfordert haben muss - und jetzt erst! - und die ich seither Jahr für Jahr durchblätterte und im Ordner schmachten ließ. Genug geschmachtet: 30 Leitzordner Schulzeugs habe ich in zehn Teilzeitjahren produziert, alle voll mit Könnte-ich-vielleicht-nochmal-gebrauchen-Zeugs. So geht das nicht weiter. Das heute großzügige Weg-damit soll der Anfang meines Versuchs sein, papierärmer zu wirtschaften.
Als ein Papierkorb gefüllt ist, lassen sich die Deckel der vier Kursstufenordner erstmals seit Jahren wieder ohne Brachialbiegung schließen. Besser als nichts. Der Papierkorb als immerhin sichtbares Zeichen einer produktiven Tätigkeit.
Eigentlich wollte ich heute ja mit den Themenblöcken für den Mathekurs Rochade spielen. Vor den Ferien hatten wir es schon mit den Parallelkollegen abgesprochen, hatten Gründe gehabt. Erst Analysis? erst Geometrie? Stochastik gleich wiederholen? oder erst vorm Abi? Nun ist die gesamte Absprache aus unseren damals nur noch notstromaggregatversorgten Köpfen verschwunden. Zeugniszeiten eignen sich nicht für Absprachen.
Und der heutige Abend ist nicht gemacht für erneutes Gründefinden. Morgen ist auch noch ein Tag, denke ich, als ich das Stoffverteilungsformular unausgefüllt wieder zuklicke.
Der Rest ist planloses, sprunghaftes, erratisches Herumstochern in anderen akut anstehenden Dingen. Listen, Formulare, Arbeitsblätter, Nachprüfungen wollen erstellt, erste Nachferienstunden, Schuljahreseinstiege, Kennenlernphasen, Wiederholungswochen konzipiert werden. Meine Gedanken und Mausklicks hopsen im Zickzack querbeet.
Wie gesagt: Morgen ist auch noch ein Tag.
(Für diese ersten Tage habe ich mir eine Zeitdeckelung gegeben. Ein weiteres Experiment im neuen Schuljahr: Schaffe ich es, bewusster mit meiner Zeit zu haushalten?)

Montag, 25. August 2014

Tag 16: Murchin - Bansin


das Frühstücksbüfett setzt der Jugendherberge die Krone auf :) --- und wir starten pappesatt nach einer letzten Beladeaktion und einer letzten Navizieleingabe und einer letzten Handschuhsuche auf die letzten Kilometer
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zunächst verläuft der Radweg entlang einer der beiden einzigen Straßen, welche auf die Insel führen: es ist Samstag, Rückreiseverkehr, Stoßstange an Stoßstange wälzen sich die süd- und mittel- und nordwestdeutschen Kennzeichen den Asphalt entlang, so dass wir nur schnell rasen, um dieser Autolärmduftwolke zu entkommen (unglaublich, wie schnell die Tochter mit ihren kurzen Beinen das kann:))
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auf dieser Straße sind wir bestimmt auch 1985 entlanggeradelt, mit der Klasse zum Zelten an die Ostsee, samt Klassenlehrer, dem wir erstmal erklären mussten, wie man bergauf und bergab schaltet (doch ja, wir hatten schon Gänge: 4 Stück – und er benutzte sie genau falsch herum), damals haben wir viel über ihn gelacht, als etwa der Topf, den er zur Campingkochgemeinschaft beisteuerte, ein Loch hatte – er war eine tragisch-komische Gestalt, sicher für diesen Beruf nicht gemacht, so ließ er sich auch nach uns wegversetzen in die „Volksbildung, Abteilung Lehrbücher“ – heute ziehe ich meinen Hut vor ihm, wie er sich da aufs Rad setzt, von Berlin nach Ückeritz fährt, zwei Wochen mit zwanzig 16jährigen in Zelten lebt …
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außer Erinnerungen hält der Tag viel Backfisch, viel Eis, viele Tiere, viel Weitblick und ein paar schöne Gesprächsbegegnungen bereit, dazu gibt es zwei Handküsse für mich (als nämlich ein Fischer am Hafen die Tochter fragt, ob es ihr Spaß mache, mit der Oma Fahrrad zu fahren – oooh, er versinkt im Boden, als die Tochter aufklärt, und dann überrascht er mich mit diesen Handküssen – na, dies ist hier eben die Gegend, wo man mit 20 Kinder bekam (und bekommt?) – und dann passe ich glatt ins Oma-Alter:))
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irgendwann, leider, ist Tagesende, Reiseende – Ankunft im Badetouristenort: ernüchternd, so viele Menschen auf einem Haufen, soviel Jubeltrubelheiterkeit gemischt mit Schickimickibedeutsamkeit muss man erstmal aushalten – all das Lächeln, all die Freundlichkeit, mit der wir auf dieser Reise bedacht worden sind, endet auf dieser Strandpromenade abrupt: angeraunzt, Weg abgeschnitten, geschubst, Fahrrad umgeworfen, das ganze Programm --- Fahrradreisen müssen wohl in einem Zivilisationsschockerlebnis enden, damit man ihr Ende begreift?
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noch ein paar Zahlen, Daten, Fakten: um 10.40 fahren wir über die Peenebrücke und betreten also Inselland – um 15.55 sind meine 1000 Kilometer voll und der Tacho springt von 999,99 auf 0,00 (als wenn nie etwas gewesen wäre:)) – kurz danach steht erstmals Ahlbeck auf dem Schild: noch 6 km (die haben es in sich – eine fast unwirkliche, staunenmachende Endmoränenlandschaft, das sind Berg- und Talfahrten, wie wir sie seit Dresden nicht hatten) – um 16.55 taucht das Meer vor unseren Augen auf: die Tochter baut sofort eine Sandburg, und ich darf die Reise nun Prag-Ostsee nennen (was ich zu ihrem Start nicht wissen konnte) – um 19 Uhr erreichen wir bei Zählerstand 1017 (nein: 17:)) die letzte Ferienwohnung und schütteln vor Unglauben den Kopf: dass die Tochter heute 61,5 km gefahren ist, das hätten wir vorher niiieee gedacht, sie hüpft bei aller Erschöpfung ganz glücklich und stolz in der Gegend herum (bevor ihr beim Abendessen der Kopf auf die Tischplatte fällt)
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und nun werden wir noch ein paar Tage hier bleiben, werden versuchen einsamere Strände als den heutigen zu finden, werden die Füße ins Meer stecken (wonach uns heute in dem Gedränge nicht war), am Strand entlanglaufen, Wind und Wellen ohne Strandkörbe und Dudelmusik suchen, ich werde lesen (wofür an den Reisetagen kein Raum war), in den Tag hinein leben --- ich bin gespannt, wie sich die Tage anfühlen, wenn ich morgens nicht mehr auf Wetter und Wind schaue, keine Tagesziele plane, keine Übernachtungen herbeitelefoniere, keine Uhr, keine Kraftreserven der Kinder im Blick habe, und keine Essenssuche im Fokus --- und dann werden wir allmählich und motorisiert nach Hause treideln
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die Kladde wird jetzt weggesteckt – wie wertvoll sie mir ist, mit wie viel Bewegung gefüllt, wie viel Vorbeigeflogenes enthaltend – sie reicht nun höchstens noch für eine Kurzreise: welche das wohl sein wird? --- die Gedanken, vor allem an den letzten Fahrtagen, wandern in Zukünftiges: dass ich all diese Wege gern noch einmal fahren würde, weil es doch nicht sein kann, dass ich sie schon wieder loslassen soll – in umgekehrter Richtung vielleicht, man sieht anderes --- und wie viele Wege es noch gibt, anderswo --- es wird ganz gleich sein auf welchen Wegen – ich glaube, in diesem Zustand des Fahrens etwas gefunden zu haben, das ich nicht mehr loslassen werde, das mich nicht mehr loslässt --- und sollte ich je ein Sabbatjahr nehmen, könnte das mit Radfahren zu tun haben?

Samstag, 23. August 2014

Tag 15: Bugewitz - Murchin


nachts erreicht mich ein erster Schultraum – Zeichen des nahenden Urlaubsendes: obwohl wir ja noch drei Wochen Ferien haben, rücken die Alltagsdinge wieder näher, wenn sich in den nächsten Tagen mein Denken und letztlich dann ich nach Hause bewegen werden
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genaugenommen feiern wir heute Ferienbergfest – die Tochter hat das ausgerechnet, weil sie der Meinung ist, in der ersten Ferienhälfte noch in der dritten und in der zweiten Ferienhälfte in der vierten Klasse zu sein: dann ist also heute Nacht der Klassenwechselsprung
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zunächst aber fahren die Nochdrittklässlerin und ich durchs Moor, was wegen der tiefhängenden Wolken, der kahlen Bäume, der Stille und für die Tochter auch wegen der Schautafeln, auf denen von Schlangen die Rede ist, fast ein wenig unheimlich ist --- sie ist froh, als wir auf der Asphaltstraße sind und der Bewuchs rechts und links des Weges wieder „normal“ aussieht
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ein Abstecher nach Kamp: Fähre schauen (und Fischbrötchen essen:)) – die Fährabkürzung auf die Insel nehmen wir aber nicht, denn unsere Jugendherberge liegt auf dem abgekürzten Teil, und ohnehin würde ich am liebsten ja gar nicht ankommen wollen:)
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die nächsten Kilometer sind – nach Karte – das letzte längere Stück der Reise in West- und Südwestrichtung: wenn nicht noch der seit zwei Wochen konstante Wind dreht, ist das damit auch das letzte längere Gegenwindstück – ich verabschiede mich schon mal innerlich von diesem treuen Begleiter meiner Fahrt, der Genügsamkeit und Demut gelehrt hat, der mir dieses Jahr erstmals beigebracht hat, dass man ihn sich ins Gesicht wehen lassen kann, ohne zu fluchen
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Anklam – wir haben heute kurze Strecke = viel Zeit: wie wenig Geld hier in diese Gegend fließt, abseits der Metropolen, abseits des Fokus jeder Landesregierung, wie viele Ruinen aus Kriegs- und DDR-Zeiten hier stehen und wie viele Brachen – das macht traurig --- so wird mir bei einem Foto fast die Kamera aus der Hand geschlagen, was es denn hier zu fotografieren gäbe – „mein Kind“, sage ich gerade noch rechtzeitig, denn das radelt in dem Moment vor die Ruine – und woher ich komme: aus Görlitz (ist ja nicht ganz gelogen – und sowohl Hauptstadt Berlin als auch Südwestdeutschland wäre für die um mich stehenden Männer die falsche Antwort gewesen) – dann entlädt sich der ganze Frust: dass hier immer die Wessis kommen, fotografieren, die Häuser ins Internet stellen, weil „die“ hoffen, hier für nen Appel und n Ei alles aufzukaufen – und dass der Bürgermeister ja auch so einer aus dem Westen sei, der mit denen aus Schwerin unter einer Decke stecke (warum der denn gewählt worden wäre? – na, hier will doch sonst niemand diese ganze Sch… anfassen) – und dass in Schwerin nur Lumpen sitzen … so höre ich zu, es ist schwer etwas dazu zu sagen --- kurz zuvor war ich noch sehr beeindruckt gewesen, weil die Nikolaikirche vor vier Jahren erst mit viel Initiative von einer Ruine wieder zu einem Kirchenschiff mit Dach werden durfte, und weil für den Aufbau des stadtbildprägenden Turms ebenso visionär und engagiert gearbeitet wird – eine beeindruckende Ausstellung im Kirchenschiff – und weil es eine Bürgerinitiative gibt zur Rettung der Altstadtsubstanz, und weil die Stadt wagt, olle DDR-50er-Jahre-Blöcke wieder abzutragen, wo sie das Marktbild (zer)stören --- hier in den Vororten hat Brecht wohl Recht: erst das Fressen, dann die Moral
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auf eine Weise bin ich nach dem Gespräch froh, wieder in der unverfänglichen Natur zu sein: dort liegt gleich unsere Jugendherberge – Hütten im Wald, ein Teich, ein paar Zelte nebendran, draußensitzen, mit der Tochter über die Reise reden – welch ein wunderbarer Übernachtungsort vor dem letzten Fahrtag, zum Abschluss unseres Nichtsesshaftseins

Freitag, 22. August 2014

Tag 14: Rieth - Bugewitz


ein sonniger Morgen im kleinen Dorf, wir fahren durch die Straßen und finden schließlich am Hafen, was wir – unter anderem – suchen: Telefonempfang --- weil wir uns nämlich dem Wochenende nähern und der Ostsee, möchte ich lieber gleich für die nächsten beiden Tage unser Dach überm Kopf festmachen – es braucht nur ca. 20 Telefonate und so lustige Ansagen wie „90 Euro zu teuer??? das ist noch günstig – sonst geht es bei 140 los“ (nee danke, ich wollte das Hotel eigentlich nicht kaufen, nur drin übernachten ...) – und schon haben wir doch was gefunden: Privatzimmer und Jugendherberge; mittlerweile ist die Tochter erfroren, und meine Finger auch (denn der sonnige Morgen ist windig) --- die letzten drei Tage, mir ist ein wenig wehmütig, als wir losfahren
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ein Kiefernwald, Sandwege, das Rauschen in den Bäumen, von dem ich mein Leben lang dachte, es sei das Meeresrauschen, weil ich es nämlich immer in den besonders hohen Wäldern direkt an den Dünen hörte – jetzt klingt es genauso, Ostseegefühle kommen auf, doch ein Blick auf die Karte zeigt: kein Wasser weit und breit – so klärt sich ein Kindheitsirrtum auf: allein die Bäume können so rauschen
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und doch komme ich heute noch zum Meeresgefühl: das Stettiner Haff ist noch nicht die Ostsee, hat aber bei Ückermünde einen Sandstrand, und Buhnen, und Schiffe, und Möwen, und einen weiten Himmel – eine kleine Ostsee sozusagen – und so sitzen wir laaaaaange dort, die Tochter baut Kleckerburgen und Sandfiguren und will gar nicht wieder weg, was ich soooo gut verstehen kann --- doch liegt unser mühsam gefundenes Quartier noch 20 Kilometer weiter, und so muss ich irgendwann doch zum Aufbruch drängen, leider
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im Ort aber begegnen wir nach einer Brückenöffnung (offener Mund beim Kind, wie da einfach die Straße hochgeklappt wird) noch der Familie, mit der wir gestern das eislose Schicksal geteilt hatten – alle drei Kinder jubilieren, und wir teilen das Eis eben heute – bevor sie dann quasi auf den Heimweg (es sind Berliner, die haben in drei Tagen Ferienende) und wir auf die Weiterfahrt gehen
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die Landschaft ist wieder mit Erinnerungen gespickt, wohlig, doch mir – ist das der Erholungseffekt? – gehen die Attribute aus, ich sitze hier beim Schreiben mit Wortfindungsstörungen --- na, so ist es eben nur im Innern gespeichert
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wir kommen sehr spät an heute, es fühlt sich schon dämmrig an, das Tochterkind ist erschöpft --- aber sie springt sofort wieder auf, als ihr am Zielort Hund und Katze entgegenlaufen: überhaupt besteht ihr größtes Glück der Reise wohl darin, dass wir überall Tieren begegnen, sie hält bei allen an, spricht, streichelt, sinniert --- und wenn mal für ein paar Kilometer keine Pferde, Schafe, Schweine, Rinder, Hunde, Gänse vorbeikommen sollten, dann entdeckt sie Mäuse, Rehe, Störche, Libellen --- und wenn nicht mal diese sich zeigen, dann singt und plaudert sie vor sich hin über die Begegnungen des Tages … (ich fühle mich neben ihr so blind und weiß einmal mehr, warum gerade dieses Kind in mein Leben hineingeboren wurde)
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das Dorf, so klein, so unscheinbar, empfängt uns herzlich – der Zimmervermieter, der Kneipenwirt – beide meinen es so gut mit uns – wir wissen jetzt, wie es einen Berliner in dieses Dorf verschlägt, wie man sich hier das Leben gestaltet, wie man das Wetter erlebt, und den Sommer und die vorbeiziehenden Radler, und wir wissen auch, dass wir das nächste Mal, wenn wir uns ein Essen teilen wollen (weil der Tag schon so viele Backfischbrötchen hatte), dazu sagen, dass wir mit Absicht nur ein Essen bestellen – nicht dass es wieder doppelt so groß bereitet wird („weil es doch für zwei reichen muss“:))